Die langen Schatten der Wall Street

München - Das Aus von Lehman gefährdet Ersparnisse tausender deutscher Anleger. Doch wegen komplizierter Anlagekonstruktionen wissen viele noch nichts davon. Die Folgen spüren jetzt auch einige Volks- und Raiffeisenbanken.

Die Investoren in Deutschland bekommen den Niedergang der Investmentbank Lehman Brothers zu spüren. Betroffen sind nicht nur Aktionäre der früheren Wall-Street-Größe, deren Titel mittlerweile praktisch wertlos sind. Auch die Besitzer von Zertifikaten, die Lehman herausgegeben hat, müssen sich auf schmerzhafte Ausfälle einstellen. "Derzeit gehen wir davon aus, dass diese Anlageprodukte bei Endfälligkeit nicht - oder zumindest nicht vollständig - zurückgezahlt werden", heißt es bei der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) in Düsseldorf.

An die 170 Zertifikate hat das US-Geldhaus nach Angaben der Anlegerorganisation auf den deutschen Markt gebracht. Weil es sich bei diesen Papieren um Inhaberschuldverschreibungen handelt, müssen Anleger mindestens den Teilverlust des eingesetzten Kapitals fürchten. Es wird anders als Spareinlagen nicht von Sicherungsfonds der Bankenbranche gedeckt. Laut DSW steht deshalb ein zweistelliger Millionen-Betrag im Feuer.

Damit nicht genug: Lehman hat nicht nur unter eigenem Namen Zertifikate ausgegeben. Die Spezialisten des Instituts haben auch im Auftrag kleinerer Institute und Sparkassen strukturierte Wertpapiere kreiert. Diese in Fachkreisen "White-Labelling" genannte Praxis kann zur Folge haben, dass Anleger, ohne es zu wissen, auf Lehman-Papieren sitzen. Auch ihnen drohen Einbußen, auch wenn sie das Zertifikat im Glauben erworben haben, dass es ihre Hausbank begeben hat.

"Entscheidend ist, wer der Emittent ist", sagt Thomas Schlüter, Sprecher des Bundesverbands Deutscher Banken in Berlin. Bei den Auftragszertifikaten ist das nach Ansicht von Fachleuten der Konstrukteur des Papiers, auch wenn es in der Verpackung einer anderen Bank verkauft wurde. Im Fall Lehman wäre das eine niederländische Tochter des Investmenthauses, die ebenfalls zahlungsunfähig ist. Dabei rätselt die Branche noch, wie viele solcher White-Label-Anlagen im Umlauf sind. "Das könnte in den nächsten Wochen noch für Sprengstoff sorgen", sagt ein Vertreter der Branche.

Knüppeldick kommt es auch für Eigentümer von sechs Bank-Anleihen mit dem Namen "Cobold", welche die DZ Bank in den letzten Jahren aufgelegt hat. Nach Angaben einer Sprecherin des Frankfurter Instituts wurden diese Papiere vor allem an den Schaltern der Volks- und Raiffeisenbanken sowie über Direktbanken vertrieben. Rückzahlung und Zins hängen von der Zahlungsfähigkeit von mehreren Banken ab, darunter auch Lehman. Wegen des Konkurses erhalten die Anleger nach Auskunft der DZ Bank nun entweder Lehman-Anleihen oder einen "Andienungsersatzbetrag". Damit müssen sie sich auf drastische Verluste einstellen. Insgesamt ist ein hoher zweistelliger Millionenbetrag in diese Anlagen geflossen.

Neben den Kunden der Genossenschaftsbanken trifft die Lehman-Pleite auch einige Institute selbst. Die Volks- und Raiffeisenbanken verzeichnen insgesamt Risiken im "mittleren dreistelligen Millionenbereich", wie der Bundesverband der Deutschen Volksbanken und Raiffeisenbanken mitteilte. Sie rühren aus Lehman-Wertpapieren, welche die Banken vereinzelt in ihren Beständen halten. Alle Institute könnten mögliche Ausfälle aber aus eigener Kraft auffangen.

"Die Leute können ruhig schlafen", sagt der Finanzexperte der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen, Thomas Bieler. Bisher seien Probleme einzelner Institute immer vom Verbund der Genossenschaftsbanken aufgefangen worden. Bieler geht davon aus, dass das so bleibt. Durch das Sicherungssystem der Genossenschaftsbanken seien nicht nur die Einlagen, sondern die Institute geschützt.

Mit Material von ap

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