Laptop-Nomaden gehört die Zukunft

- München - Links eine Ladenzeile, rechts eine Bar, dahinter gleich mehrere Restaurants. Was scheinbar zum müßigen Bummel einlädt, ist in Wahrheit ein Ort, an dem produktiv gearbeitet wird. Viele Arbeitsplätze der Zukunft werden so aussehen. Das traditionelle Büro hat ausgedient, sagt Stephan Zinser vom Institut für Arbeitsforschung und Organisationsberatung.

Der "Siedler", der seinen Arbeitsalltag an einem festen Platz verbringt, ist nicht mehr zukunftsfähig, findet Zinser. Gefragt ist der "Nomade", der sein Umfeld häufig wechselt. Und selbst die "Hubschrauber", die von Platz zu Platz schwirren und dort Staub aufwirbeln, werden in einem Arbeitsalltag, in dem wechselnde Projektteams die althergebrachten Fachabteilungen allmählich ablösen, immer wichtiger.

Die Architektur hat die Anforderungen an den Arbeitsalltag von morgen bereits vorweggenommen. Das Innovationszentrum FIZ von BMW, wo die Autos der nächsten und übernächsten Generation bereits Gestalt annehmen, ist Beispiel einer an die Atmosphäre einer lebendigen Kleinstadt angelehnten Kreativitätsschmiede. Auch im Campeon von Infineon sind solche Strukturen vorgesehen.

Entspannteres Arbeiten fördert die Kreativität und bringt den Unternehmen etwas. Meist aber, so die Erfahrung von Zinser, sind es Führungskräfte, die die Entwicklung zu zukunftsfähigen Arbeitsstrukturen hemmen. "Untergebene" werden weiter nach dem Sitzfleisch und dem Stöhnen unter der Last der Arbeit beurteilt, anstatt als Mitarbeiter nach ihren Ergebnissen. Nach "oben" kommen eher die Siedler. Und für die ist es kaum erstrebenswert, das gerade erdiente 20 m2-Büro mit Sekretärin zu räumen und sich mit einem Praktikanten um den letzten freien Platz im "Café´" balgen zu müssen, wie Zinser sagt. So halten sich auch im zukunftsfähigen Umfeld die Strukturen von gestern.

Dabei ist das Modell nicht Zukunftsvision, sondern durchaus bewährt. Der niederländische Versicherer Interpolis hat dieses Konzept so konsequent umgesetzt wie kein anderes Unternehmen seiner Größenordnung. Etwa ein Drittel der gesamten Fläche in der Zentrale besteht aus Restaurants. Nur die wenigsten Beschäftigten - etwa der Pförtner - haben einen festen Arbeitsplatz. Die Folge: Ungefähr ein Drittel der Mitarbeiter gingen - sie kamen mit soviel Modernität nicht zurecht - und Interpolis ist in der Branche von Platz 21 in Europa auf Platz 5 vorgerückt. Es funktioniert also nicht nur in der Theorie.

In der Praxis sind häufig Unternehmensteile Hemmschuh, die sich eigentlich als Speerspitze des Fortschritts wähnen: die IT-Abteilungen. Sie kommen mit der Erfordernis der Mobilität nicht zurecht. "Ihnen fehlt oft das Know-how", sagt Zinser. Die betriebliche Notwendigkeit, dass sich ein Mitarbeiter von fast jedem Ort der Welt mit dem Laptop (oder in Zukunft auch dem Mobiltelefon) ins Netzwerk des Unternehmens einklinken kann, ist für sie nur Sicherheitsrisiko.

Damit hinken sie aktuellen Entwicklungen meilenweit hinterher. Wie früher mittelschwer bewaffnete Wachmänner darüber wachten, wer ins Allerheiligste eines Unternehmens vordringen darf, gibt es Firmen, die den virtuellen Wachdienst anbieten. Der US-Dienstleister I-Pass mit Deutschland-Sitz in München sieht sich hier in einer Reihe mit Microsoft und Nokia. Doch während dieser Zweig für die Giganten nur ein Bruchteil des Geschäfts ist, hat sich I-Pass auf diese Nische spezialisiert und fast jedes dritte Dax-Unternehmen als Kunden gewonnen. Sicherheit fürs Unternehmen und Komfort für die Mitarbeiter verspricht Florian Schiebl von I-Pass.

Dabei wird die Sicherheitsarchitektur des virtuellen Wachdienstes auf alle möglichen Übertragungsformen aufgesetzt: auf die Telefonleitung im Hotel, den Internet-Anschluss daheim, auf drahtlose Datennetze oder auch den Handy-Standard GSM. Wenn ein Bauingenieur nach einem halben Jahr in Afrika ohne Kontakt mit der Zentrale sich mit dem total verseuchten Laptop wieder in die Zentrale einklinkt, wird dieser Laptop erst einmal in virtuelle Quarantäne genommen. Ins Firmennetz darf er erst, wenn der IT-Sicherheitsdienst alle Viren, Würmer und sonstigen Gefahrenquellen beseitigt hat.

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