Leben am Rand: 3,1 Millionen überschuldet, 98 000 sind pleite

- Düsseldorf - Immer mehr Unternehmen in Deutschland profitieren vom beginnenden Konjunkturaufschwung, doch die Zahl der überschuldeten Privathaushalte explodiert weiter. Immer mehr Menschen in Deutschland leben vom Existenzminimum. Das berichtet die Wirtschaftsauskunftei Creditreform.

Die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit ließ die Zahl der Insolvenzen von Privatpersonen 2005 geradezu explodieren. Sie stieg um 24,6 Prozent auf 98 400. Im laufenden Jahr könnten nach Schätzungen von Creditreform sogar 110 000 Bundesbürger ihren persönlichen Offenbarungseid leisten.

Das sei aber nur die Spitze eines weit gewaltigeren Eisbergs: IG-Metall-Chef Werner Neugebauer berichtete gegenüber dieser Zeitung, dass in zahlreichen Unternehmen bereits jeder zehnte Arbeitnehmer einer Lohnpfändung unterliegt, weil er Zahlungsverpflichtungen nicht mehr nachkommen kann. Demnach ginge die Zahl der Menschen, die aufgrund von Schulden vom Existenminimum leben müssen, bereits weit in die Millionen.

So sieht die Wirtschaftsauskunftei weiterhin keine Besserung bei den Privatinsolvenzen. "Geht man davon aus, dass mindestens 3,1 Millionen Haushalte in Deutschland als überschuldet gelten, ist ein Ende der Privatpersoneninsolvenzen auch in Zukunft nicht absehbar", meinte Creditreform-Vorstand Helmut Rödl.

Schuld an dieser Entwicklung sei nicht zuletzt die anhaltend hohe Arbeitslosigkeit, aber auch die Unfähigkeit mancher Verbraucher, mit dem vorhandenen Geld richtig umzugehen. "Es wäre sicher eine Hilfe, wann man sich schon in der Schule über Betriebswirtschaft eines Haushalts Gedanken machen würde", meinte Rödl.

Bei der Zahl der Privatinsolvenzen, die allerdings nur in Deutschland, Großbritannien, den Niederlanden, Norwegen, Österreich, Schweden und der Schweiz erhoben wird, lag Deutschland 2005 europaweit an der Spitze. An zweiter Stelle rangierte Großbritannien. Hier stieg die Zahl der Privatkonkurse um 34,2 Prozent auf knapp 65 000.

Die Zahl der Firmenpleiten sank im vergangenen Jahr um 3,5 Prozent auf 37 900. Rund 563 000 Arbeitsplätze seien 2005 in Deutschland durch Firmeninsolvenzen bedroht oder vernichtet worden - 6,9 Prozent weniger als im Vorjahr, sagte Rödl. Der Rückgang gebe Anlass zur Hoffnung. Doch sei die Situation noch "sehr instabil". Vor allem im Einzelhandel sei die Situation nach wie vor schwierig. Doch könnten hier Vorzieheffekte angesichts der für 2007 angekündigten Mehrwertsteuererhöhung in diesem Jahr zusätzlichen Schwung bringen.

Auch 2006 wird sich die positive Entwicklung nach einer Prognose der Wirtschaftsauskunftei Creditreform fortsetzen. Die Zahl der Unternehmenszusammenbrüche könne auf bis zu 36 000 sinken, prognostizierten die Experten.

Im Europavergleich liegt Deutschland mit der Zahl seiner Firmenpleiten im unteren Mittelfeld. Österreich, Frankreich und auch die Schweiz registrierten deutlich mehr Insolvenzen je 10 000 Unternehmen. Den größten Anteil hatte im vergangenen Jahr Frankreich mit fast 43 000 Firmenpleiten. Den größten Anstieg meldete mit einem Plus von 15,3 Prozent Österreich, den deutlichsten Rückgang Irland. Dort sank die Zahl der Firmenpleiten um 21,5 Prozent auf nur noch 252. Zum Vergleich: Allein die Stadt Mülheim an der Ruhr verzeichnete 2005 insgesamt 240 Unternehmensinsolvenzen.

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