Lebensluft für Wirtschaftsriesen

Dax-Hauptstadt München: - Der wichtigste deutsche Börsenindex Dax enthält 30 Unternehmen. Acht davon haben ihren Sitz in München - weit mehr als an jedem anderen Ort der Republik. Dafür gibt es viele Gründe; einer ist, dass es sich in Oberbayern so gut leben lässt.

München - In der Bundeshauptstadt Berlin sitzt kein einziges der 30 wichtigsten börsennotierten Unternehmen des Landes. Auch die zweitgrößte deutsche Metropole Hamburg hat keinen Dax-Konzern. Der wichtigste Bankenplatz Frankfurt bietet mit Commerzbank, Deutscher Bank und Deutscher Börse drei Dax-Unternehmen auf. Mehr sind es nirgends - außer in München.

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In der bayerischen Landeshauptstadt haben sich acht der 30 deutschen Börsen-Giganten angesiedelt. Von hier aus steuern sie insgesamt fast eine Million Mitarbeiter in der Welt und ein Geschäft mit einem Umfang von über 300 Milliarden Euro - mehr als das Bruttoinlandsprodukt von Österreich oder Polen. Während mancher Konzern seit über hundert Jahren hier ansässig ist, reisten andere erst spät in ihrer Unternehmensgeschichte zu.

Die Münchener Rück ist das Urgestein unter den Konzernen. Zwar war ihr Gründer Carl Thieme ein Erfurter. Doch er lebte in München, als er 1880 im Fingergässchen die Rück aufbaute. Auch der Automobilbauer BMW - mit Wurzeln in den Rapp-Motorenwerken Anfang des 20. Jahrhunderts - ist in München entstanden. Der Immobilienfinanzierer Hypo Real Estate existiert zwar erst seit vier Jahren. Doch das Unternehmen wurde von der HypoVereinsbank abgespalten. Und die ist ein aus mehreren Fusionen entstandenes Münchner Traditions-Gewächs. Die HVB selbst fiel im Dezember 2005 nach Übernahme durch die italienische Unicredit aus dem Dax.

Einen Entwicklungs-Schub erfuhr der Standort nach dem Zweiten Weltkrieg. Carl Thieme hatte außer der Münchener Rück - zusammen mit dem Bankier Wilhelm von Finck - die Allianz-Versicherung gegründet. Weil die Preußen bei Konzessionen liberaler waren, fiel die Wahl des Sitzes 1890 auf Berlin. Nachdem in Folge des Zweiten Weltkriegs der Osten als Markt weggebrochen war, verlegte die Allianz ihren Sitz nach München in die Nachbarschaft der Rück.

Ähnlich war die Entwicklung bei Siemens. Der Konzern war in Berlin gegründet worden und siedelte nach dem Zweiten Weltkrieg gen Westen um. Mit der Bildung der AG 1966 war der Sitz München, wo 1999 mit der Abspaltung der Halbleitersparte Infineon entstand. Das Elektrochip-Unternehmen hat seine zuvor auf viele Standorte im Raum München verteilten Aktivitäten mittlerweile auf einem modern ausgestatteten Gelände zusammengezogen. Das befindet sich knapp jenseits der Stadtgrenze in Neubiberg und damit im Landkreis München, wo inzwischen auch juristisch der Firmensitz liegt.

Erst nach über 200 Jahren Unternehmensgeschichte fand MAN den Weg in die bayerische Landeshauptstadt. Die Ursprünge des Unternehmens lagen zum einen in der Eisenhütte St. Antony im Ruhrgebiet und zum anderen in der Maschinenfabrik Augsburg-Nürnberg. Mit der Zeit wurde aber das in München angesiedelte Lkw-Geschäft immer wichtiger. Und so verlagerte man 1986 den Firmensitz dorthin.

Ähnliche Motive trieben den jüngsten Neuzugang, den Linde-Konzern. Das Unternehmen, das zuvor in Wiesbaden saß, konzentriert sich nach einem Konzernumbau auf das Gase-Geschäft. Und weil das traditionell in Oberbayern angesiedelt ist, verlegte Konzernchef Wolfgang Reitzle im Herbst den Firmensitz nach München, wo derzeit eine neue Zentrale in der Innenstadt entsteht. Der Umzug kommt ihm auch privat zupass. Seine Frau, die Fernsehmoderatorin Nina Ruge, lebt hier.

Solche "weichen Faktoren" sind bei der Standortwahl nicht zu vernachlässigen, heißt es in Unternehmen. Und so dürfte auch das oberbayerische Umfeld ein Grund dafür sein, dass so viele Konzerne von München aus gesteuert werden. Das Angebot an Kultur, Sport und Natur sei "ganz klar ein Argument für hoch qualifizierte Kräfte hierherzukommen", sagt etwa ein MAN-Sprecher. So falle es leichter, Bewerber nach München als in manch andere Stadt zu locken. Zudem sprächen die Flughafenanbindung und die Nähe zu den Standorten Augsburg und Nürnberg aus MAN-Sicht für München.

Der Weltkonzern Siemens macht über 80 Prozent seines Geschäfts außerhalb Deutschlands. Doch am Firmensitz München werde nicht gerüttelt, erklärt ein Sprecher. "München war immer ein Geschäftszentrum, das international geschätzt und bekannt war." Und daran habe sich nichts geändert. München sei wegen der Wohnungssituation "immer wieder schwierig". Aber Freizeitangebot, Verkehrsanbindung und ein innovatives Klima mit angesehenen Universitäten gäben Siemens "genau die richtige Lebensluft".

Darauf verweist man auch bei der Stadtverwaltung. "Dass der Großraum München der beste Wirtschaftsstandort in Deutschland ist, wird uns regelmäßig in Studien attestiert", erklärt Kurt Kapp, Stellvertreter des Wirtschaftsreferenten. Davon profitiere die Stadt mehrfach. Die Konzerne seien ein bedeutender Arbeitsplatzfaktor und trügen einen "signifikanten Anteil" zum Gewerbesteueraufkommen bei. "Außerdem gibt es Folgewirkungen über die Unternehmen hinaus, weil viele Zulieferer und Dienstleister im Umfeld der Konzerne arbeiten." Und schließlich sei die Konzentration wichtiger Unternehmen ein Imagefaktor, weil "man damit auf der internationalen Landkarte erscheint".

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