Verbraucherzentralen decken auf

So trickst die Lebensmittelindustrie

München - Erdbeerjoghurt ohne Erdbeeren, Alpenmilch aus Schleswig-Holstein und mehr Schwein als Lamm in der Lammsalami. Die Lebensmittelindustrie trickst und tarnt mit irreführenden Produktangaben. Die Verbraucherzentralen haben die zehn häufigsten Lebensmittel-Lügen aufgedeckt.

Täglich werden Verbraucher beim Einkauf mit falschen Qualitätsversprechen, irreführenden Deklarationen oder Mogelpackungen ausgetrickst. Der Ratgeber „Lebensmittel-Lügen – Wie die Food-Branche tarnt und trickst“ informiert Verbraucher über typische Werbe- und Kennzeichnungstricks der Lebensmittelhersteller. Er hilft die zehn häufigsten Lebensmittel-Lügen zu erkennen und sich dagegen zu wehren.

1. Produktnamen führen in die Irre

Wohlklingende Produktnamen wie Crispy Chicken sind ein wichtiges Marketinginstrument der Hersteller. Der Name verspricht knusprigen Hähnchengenuss. Entscheidend ist allerdings die sogenannte Verkehrsbezeichnung, die sich meist auf der Rückseite der Verpackung verbirgt. „Hähnchenbrustfleisch zusammengefügt und paniert (...)“ klingt weniger appetitlich. Verbraucher sollten jedoch jedes Wort der Verkehrsbezeichnung ernst nehmen. Dabei erfährt man zum Beispiel, dass ein Frischkäse „mit Ziegenmilch“ (lediglich fünf Prozent Ziegenfrischkäse) etwas völlig anderes ist als „aus Ziegenmilch“.

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2. Zweifelhafte Tierartenbezeichnung

Wildpastete, Geflügelwiener und Lamm-Salami: Die meisten Verbraucher erwarten hinter diesen Bezeichnungen, dass das Fleisch von dem genannten Tier stammt. Oft sind allerdings nur Kleinstmengen davon enthalten. Ein Blick auf das Zutatenverzeichnis lohnt – hier müssen die Anteile der Tierarten genau benannt werden.

3. Abbildungen können täuschen

Pralle Früchte und knusprige Entenbrust auf der Verpackung springen sofort ins Auge. Allerdings können solche Abbildungen täuschen. Für wörtlich genannte und abgebildete Zutaten gilt die Mengenkennzeichnungspflicht. Im Kleingedruckten auf der Rückseite erfahren Verbraucher, wie viel von der Zutat wirklich im Produkt steckt. Vorsicht ist vor allem geboten, wenn die appetitliche Abbildung auf der Verpackungsvorderseite mit dem dezenten Hinweis „Serviervorschlag“ versehen ist. Dann kann es sein, dass hochwertige Zutaten gezeigt werden, die überhaupt nicht enthalten sind.

4. Alkohol in Lebensmitteln

Erdbeerkonfitüre, Salatdressings oder Lachsfilet mit Soße: Manchmal versteckt sich Alkohol in Lebensmitteln, wo man ihn wirklich nicht erwartet. Die Zutatenliste gibt Auskunft. Allerdings reicht es nicht, die Liste nach dem Begriff „Alkohol“ zu scannen. Alkohol versteckt sich auch hinter Zutaten wie Arrak, Marc de Champagne oder Calvados.

5. Werbung mit Region & Heimat

Viele Lebensmittelhersteller werben mit Zutaten aus der Region oder Heimat. Das liegt im Trend. „Es gibt aber keinerlei rechtliche Regelung, wer wie damit werben darf“, warnt Andrea Schauff von der Verbraucherzentrale Hessen. Die Angaben träfen oft nicht zu. Augenfällig sei das etwa bei einem Orangensaft, der in Norddeutschland mit „aus unserer Region“ beworben wird. „Orangen wachsen dort allenfalls als Ziergewächs.“

6. Werbemasche „Nach Hausfrauenart“

Geschmacksverstärker, Konservierungsstoffe und Co. sind für viele Verbraucher ein rotes Tuch. Lebensmittelhersteller reagieren darauf mit Werbeaussagen wie „traditionell“, „nach Hausfrauenart“ oder „ohne Zusatzstoffe“. Solche Aussagen sind mit Vorsicht zu genießen. In einem Matjes-Filet „nach Hausfrauenart“ sind etwa Verdickungsmittel, Säuerungsmittel und Säureregulatoren enthalten. Ob das wohl eine Hausfrau verwenden würde? Bei der Werbung „ohne Zusatzstoff Geschmacksverstärker“ erzielen häufig Ersatzzutaten die Geschmack verstärkende Wirkung.

7. Gesundes Image und Zusatznutzen

Die Lebensmittelindustrie verleiht ihren Produkten gerne ein gesundes Image und einen vermeintlichen Zusatznutzen. Die Wirkung mancher gesundheitsfördernder Substanzen ist allerdings zweifelhaft. Zudem werden häufig natürliche Merkmale eines Produkts als teure Besonderheit verkauft – zum Beispiel bei von Natur aus laktosefreiem Hart- und Schnittkäse. Ein Blick auf die Nährwerttabelle zeigt, dass auch Produkte, die als „gesund“ beworben werden, häufig zu viel Zucker oder Fett enthalten – oft sind Kinderprodukte betroffen.

8. Schlupfloch Ausnahmeregelung

Die meisten Tricks und Täuschungen kommen ans Licht, wenn man die Zutatenliste studiert. Nur was, wenn diese fehlt? Käse und Milcherzeugnisse können in manchen Fällen offiziell ohne Zutatenliste daherkommen. Ausnahmeregelungen gibt es auch für Produkte, die sehr klein sind. Die Verbraucherzentrale rät Kunden, sich beim Anbieter zu beschweren.

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9. Mogelpackungen und Füllmengen

Ärgerlich, wenn man nach dem Einkauf die Verpackung öffnet und den Inhalt erst mal suchen muss. Um mehr Inhalt vorzugaukeln, arbeiten Hersteller mit viel Luft, doppelten Böden oder überdimensionierten Kartons. Das ist leider nicht immer verboten – zum Beispiel bei Pralinen. Ein beliebter Trick ist auch die versteckte Preiserhöhung – wenn etwa aus einer 100-Gramm-Schokoladentafel plötzlich eine 87-Gramm-Tafel wird.

10. Kennzeichnung loser Ware lückenhaft

Verbraucher, die auf Qualität achten, bevorzugen oft frische Lebensmittel vom Bäcker, Metzger oder Wochenmarkt – und zahlen dafür auch gerne etwas mehr. Ob sie aber tatsächlich höhere Qualität für ihr Geld bekommen, lässt sich schwer beurteilen. Die gesetzlichen Regelungen zur Kennzeichnung von loser Ware sind spärlich. Es hilft nur genau nachfragen.

Manuela Dollinger

Rubriklistenbild: © picture alliance / dpa

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