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Jeder wirft täglich ein Frühstück in die Mülltonne: Zumindest entspricht das in etwa der Pro-Kopf-Abfallmenge. Dabei wären zwei Drittel aller Abfälle leicht vermeidbar und es ließe sich bares Geld sparen.

Lebensmittel-Überfluss: Tausende Euro für die Tonne

München - Jetzt ist es amtlich: Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel landen jedes Jahr auf dem Müll. Die größten Verschwender sind nicht die Supermärkte, sondern Privathaushalte.

Bisher gab es für Deutschland nur vage Schätzungen, jetzt wird es konkret: Knapp elf Millionen Tonnen Lebensmittel werden pro Jahr weggeschmissen. Das Erschreckende: Rund zwei Drittel dieser Abfälle wären vermeidbar. Zu dem Ergebnis kommt eine Studie, die Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner gestern vorgestellt hat. Viele werfen Lebensmittel weg, weil ihr Mindesthaltbarkeitsdatum (MDH) abgelaufen ist. Dabei sind die meisten Produkte auch Tage, Wochen und Monate danach noch gut. Aigner will mit dem Einzelhandel eine Aufklärungsaktion zum MDH starten. Verbraucherschützer versuchen schon seit längerem, die „Wegwerf-Republik“ wachzurütteln.

11 300 Euro in der Mülltonne

Der Großteil der Lebensmittelverschwendung findet in privaten Haushalten statt. Rund 61 Prozent der gesamten Lebensmittelabfälle fallen auf die Verbraucher. Ein säuerlich riechender Joghurt hier, ein halber Sack schrumpeliger Kartoffeln da. Was machen die paar Cents schon aus? Die wenigsten Menschen sind sich darüber bewusst, wie viel Geld sie mit vermeintlich abgelaufenem Essen in die Tonne werfen. Laut der aktuellen Studie landen allein in Deutschland im Schnitt 81,6 Kilogramm Lebensmittel pro Kopf und Jahr auf dem Müll. 53 Kilo davon wären vermeidbar, was einem Geldwert von 235 Euro entspricht.

Wer mit 19 Jahren einen Haushalt gründet und bis zur Rente mit 67 Jahren jedes Jahr – also 48 Jahre lang – Lebensmittel wegwirft, verliert demnach rund 11 300 Euro. Bei einem Vier-Personen-Haushalt summiert sich der jährliche Betrag auf rund 940 Euro pro Jahr. Zur Seite gelegt, statt in der Mülltonne versenkt, wäre das ein gutes Polster für die Altersvorsorge.

Entsorgt werden vornehmlich unverarbeitete Grundnahrungsmittel wie Obst oder Gemüse, aber auch Brot und Milchprodukte. Immerhin geben zwei von drei Verbrauchern zu, dabei ein schlechtes Gewissen zu haben. Die sinkende Moral steht laut Verbraucherschützern im Zusammenhang mit sinkender Wertschätzung von Essen. In der Wohlstandsgesellschaft sind Lebensmittel schnell und billig zu beschaffen – und werden genauso entsorgt.

Mindesthaltbarkeit bedeutet nicht Verfall

Jedes Jahr wandern tonnenweise Lebensmittel in den Müll, weil ihr MDH abgelaufen ist. Laut der Verbraucherzentrale Nordrhein-Westfalen gilt die Faustregel: Bei Tagesangaben kann ein Produkt noch Tage länger haltbar sein, bei Monats- und Jahresangaben oft noch Wochen. Zum Beispiel Joghurt: „Er ist teilweise noch zwei Monate länger haltbar“, erklärt Jutta Saumweber von der Verbraucherzentrale in Bayern. Es setze sich lediglich Molke ab, aber die sei nicht gesundheitsschädigend. „Der Joghurt schmeckt schlimmstenfalls säuerlich“, meint Saumweber. Trockenprodukte wie Nudeln, Müsli oder Getreide hielten sich gut verpackt noch über Monate frisch.

Finger weg: Diese Lebensmittel sind ungesund

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Anders ist es bei schnell verderblichen Waren wie Fleisch oder Fisch: Sie sind ausdrücklich mit einem Verfallsdatum, nicht mit einem MHD, gekennzeichnet. Generell sollten Verbraucher ihrem Instinkt vertrauen. „Riechen und schmecken, ob das Produkt noch gut ist“, sagt die Expertin. Und sie beruhigt: Wenn Schimmel vorhanden ist, sieht man es. Brot, das noch nicht schimmlig aussieht, ist es auch nicht.

Gut vorbereitet zum Einkaufen

Der Einkaufszettel ist aus der Mode gekommen. Spontan- und „Hamster“-Käufe sind eher an der Tagesordnung. Dabei könnte der Einkaufszettel verhindern, dass Lebensmittel im Kühlschrank vergammeln. „Vor dem Einkauf sollte man prüfen: Was wird gebraucht? Gekühlte Produkte sollte man nur nach Bedarf einkaufen“, sagt Expertin Saumweber.

Lebensmittelmythen - Hätten Sie's gewusst?

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Und niemals hungrig einkaufen. Die richtige Einkaufsstrategie erfordert allerdings ein Basis-Wissen darüber, wie die Reste im Kühlschrank zu neuen Mahlzeiten verwertet werden können. Tipps dazu finden sich in Kochbüchern oder auch im Internet.

Richtige Lagerung von Lebensmitteln

Gemüse und Obst werden laut der aktuellen Studie am häufigsten weggeschmissen. Ein Grund für kurze Haltbarkeit kann die falsche Lagerung sein. „Gemüse am besten gar nicht erst in der Plastikverpackung kaufen oder eben zu Hause sofort entfernen“, empfiehlt Expertin Saumweber. Ein weiterer Trick ist, ein feuchtes Geschirrtuch um Spargel, Karotte & Co. zu wickeln. Wer sich gerade überlegt, einen neuen Kühlschrank anzuschaffen, kann auch dabei vorsorgen. Er sollte ein Null-Grad-Fach für Obst und Gemüse haben. Bei der richtigen Lagerung lassen sich einige Tage rausschlagen: „Salat kann zum Beispiel gut eine Woche frisch bleiben“, schätzt Saumweber. Die Kosten für den neuen Kühlschrank sind schnell wieder drin, wenn man weniger Lebensmittel entsorgt.

Kathrin Garbe

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