Ein Kontrolleur auf 470 Betriebe

Lebensmittelskandal: „Kontrolldruck muss steigen“

München - Mogel-Eier, Pferdefleisch und Schimmelpilz. Die Lebensmittelskandale häufen sich in letzter Zeit. Dabei wird vom Tierfutter bis zum Schnitzel die Lebensmittelkette in Deutschland überwacht.

Sie kommen ohne Ankündigung, zeigen ihren Dienstausweis vor und nehmen alles unter die Lupe. Im Restaurant überprüfen Lebensmittelkontrolleure, ob Küche und Lager sauber sind. Beim Metzger inspizieren sie Fleischtheke und Kühlraum. Im Supermarkt kontrollieren sie die korrekte Kennzeichnung der Lebensmittel und nehmen Proben einzelner Produkte.

500 Lebensmittelkontrolleure überprüfen in Bayern regelmäßig 235.000 Betriebe, die Lebensmittel herstellen, bearbeiten oder verkaufen. Bäcker, Metzger, Supermärkte, Restaurants und Betriebskantinen stehen auf ihrer Liste. Die Kontrolleure sind aber auch für Kosmetikartikel, Tabak und Arzneimittel zuständig. Rund 150.000 Kontrollbesuche pro Jahr – und dennoch häufen sich die Lebensmittelskandale.

Warum das so ist? Michael Förtsch ist Vorsitzender im Verband der Lebensmittelkontrolleure Bayerns. Er hat eine Erklärung. Im Schnitt kommen auf einen Lebensmittelkontrolleur in Bayern 470 Betriebe. „Das reicht hinten und vorne nicht“, sagt Förtsch. „Die Zahl der Lebensmittelkontrollen ist in den vergangenen Jahren um rund 20 Prozent gesunken“, sagt er. Warum? Der bürokratische Aufwand sei gestiegen – und die Zahl der Rückrufüberwachungen in Folge von Lebensmittelskandalen.

In Deutschland ist die Lebensmittelkontrolle Ländersache. Die Organisation der Kontrollen in Bayern koordiniert das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL). „Primär verantwortlich für die Sicherheit der Lebensmittel ist aber der Lebensmittelunternehmer selbst“, betont Katrin Grimmer, Sprecherin des LGL. Das Stichwort heißt Eigenkontrolle. Die amtliche Lebensmittelüberwachung kontrolliert stichprobenartig, ob das auch funktioniert. Bei den Kontrollbesuchen geht es um Hygiene, Inhaltsstoffe und Kennzeichnung.

In Bayern sind die Kontrolleure den 71 Landkreisen und 25 kreisfreien Städten zugeordnet. Zusätzlich sind rund 350 Amtstierärzte und Veterinärassistenten bei den Kreisverwaltungsbehörden angestellt. Sie übernehmen die Kontrolle von tierischen Produkten. Schweinemastbetriebe, Molkereien, Hühnerfarmen, Schlachthöfe, aber auch Imker fallen in ihren Zuständigkeitsbereich.

Pro Landkreis ein Lebensmittelkontrolleur mehr – das würde sich Förtsch wünschen. „Mit mehr Personal könnte man den Kontrolldruck erhöhen – und damit den Abschreck-Effekt“, sagt er. Momentan sieht er aber keine Chance auf Einstellungen, die letzten gab es im Jahr 2000 nach dem BSE-Skandal.

Die letzte personelle Konsequenz aus einem Lebensmittelskandal zog Bayern allerdings 2006. Nach dem Gammelfleisch-Skandal wurde eine 90 Mann starke Sondereinheit aufgebaut. Die Spezialeinheit Lebensmittelkontrollen des LGL unterstützt die Kontrolleure vor Ort bei besonders schwierigen Fällen. Sie besteht aus Veterinären, Juristen und Lebensmitteltechnikern, die erkennen sollen, wenn es Schwachstellen im System gibt.

Arbeit haben die Kontrolleure genug, denn Verstöße sind keine Seltenheit. 150.000 Kontrollen in 94.000 Betrieben haben die Lebensmittelkontrolleure in Bayern 2011 durchgeführt. Bundesweit fanden im selben Zeitraum knapp 934.000 Kontrollen statt. Dabei wurden bei 27 Prozent der Betriebe Verstöße festgestellt und Maßnahmen eingeleitet – Auflagen, Bußgelder, Strafverfahren oder Betriebsschließungen. Die größte Zahl der Beanstandungen betraf laut Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) mit 53 Prozent die Betriebshygiene – gefolgt von Mängeln im Hygienemanagement (24 Prozent) und falscher Kennzeichnung (18 Prozent).

„Das Überwachungssystem ist risikoorientiert“, erklärt Michael Förtsch. Ein Computersystem ermittelt nach bestimmten Kriterien, wie oft ein Lebensmittelbetrieb kontrolliert wird. Gab es beim letzten Besuch Verstöße gegen Hygienevorschriften? Wurden Proben positiv getestet? Geht es um sensible Lebensmittel, zum Beispiel Eiscreme – oder sensible Betriebe wie eine Krankenhausküche? „Entsprechend der Risikobewertung werden manche Betriebe jedes halbe Jahr kontrolliert, manche nur alle drei Jahre“, erklärt Förtsch.

Bei den Kontrollbesuchen werden Proben entnommen – nach einem Probenplan, auf Verdacht oder wenn es Beschwerden aus der Bevölkerung gibt. In Bayern nahmen die Kontrolleure 2011 etwa 70 000 Proben und schickten sie in die Labors des LGL. In Würzburg untersuchen Wissenschaftler Getränke-Proben. Lebensmittel werden in den Laboren in Erlangen und Oberschleißheim analysiert. In den vergangenen Wochen wurden hier Produkte auf Pferde-DNA untersucht. Sechs Tests waren positiv.

Die Beanstandungsquote lag in Bayern 2011 bei rund zehn Prozent, im Bundesdurchschnitt bei 13 Prozent, mehr als 50.000 Beanstandungen – 17 Prozent Fleischprodukte, 17 Prozent Eiprodukte, 13 Prozent Milchprodukte, zwölf Prozent Fertigprodukte und sechs Prozent Obst und Gemüse.

Betreffen die Beanstandungen nicht nur die Region, ist es Aufgabe des LGL, die Befunde über das EU-Schnellwarnsystem publik zu machen. Das Schnellwarnsystem ist eine Computerplattform, auf der alle EU-Länder melden, wenn sie etwas Verbotenes oder Gefährliches in Lebensmitteln finden. 2011 gab es mehr als 9000 Mitteilungen.

Lebensmittelskandale in Deutschland

Lebensmittelskandale in Deutschland

Nach den jüngsten Lebensmittelskandalen gibt es nicht nur Forderungen nach stärkeren Kontrollen. Auch auf europäischer Ebene soll etwas passieren. Die EU hat allerdings keine eigenen Kontrolleure und liefert nur den Rahmen in puncto Lebensmittelsicherheit. In diesem Rahmen gibt es Bestrebungen, künftig eine verpflichtende Herkunftskennzeichnung verarbeiteter Lebensmittel mit Fleisch als Zutat einzuführen – eine Konsequenz aus dem Pferdefleisch-Skandal. Außerdem sind härtere Strafen im Gespräch. Die Strafen sollen künftig höher sein, als der Gewinn aus einem Lebensmittel-Betrug gewesen wäre.

Bisher wird in Deutschland vorsätzliche Verbrauchertäuschung nach Lebensmittelrecht mit bis zu einem Jahr Freiheitsstrafe oder Geldbuße bestraft. Bei fahrlässigen Verstößen können bis zu 100.000 Euro Strafe fällig werden. Wird die Kennzeichnungspflicht missachtet, fallen bis zu 50.000 Euro Bußgeld an. Für Betrügereien im großen Stil ein geringer Betrag.

Manuela Dollinger

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Ekelfunde auch bei Münchner Bäckereien
Fünf Jahre nach dem Müller-Skandal bahnt sich ein neues Unheil für die Bäckereien an. Die Organisation Foodwatch hat Käfer, Mäusekot und Schabenbefall auch bei Bäckern …
Ekelfunde auch bei Münchner Bäckereien
Sorgen vor strafferer Geldpolitik der EZB belasten den Dax
Frankfurt/Main (dpa) - Sorgen über eine Verschärfung der Geldpolitik in Europa haben dem deutschen Aktienmarkt am Dienstag zugesetzt. Zugleich stieg der Euro deutlich.
Sorgen vor strafferer Geldpolitik der EZB belasten den Dax
Neue Vapiano-Aktien starten mit Kursplus in den Handel
Frankfurt/Main (dpa) - Die Restaurantkette Vapiano hat 15 Jahre nach der Gründung den Gang an die Börse gemeistert. Zum Handelsende am Dienstag kosteten die Aktien 24 …
Neue Vapiano-Aktien starten mit Kursplus in den Handel
EU verhängt Rekordstrafe in Milliardenhöhe gegen Google
Wenn man bei Google nach einem Produkt sucht, werden prominent Kaufangebote mit Fotos und Preisen angezeigt. Die EU-Kommission belegte den Internet-Konzern mit einer …
EU verhängt Rekordstrafe in Milliardenhöhe gegen Google

Kommentare