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Das Zwei-Mann-Unternehmen hat mittlerweile 550 Mitarbeiter. Soeben wurden Christoph Jaschke (links) und Jörg Brambring als beste Arbeitgeber im Gesundheitswesen ausgezeichnet. Fortbildung und Teamarbeit sind für sie selbstverständlich.

Mittelstand im Blickpunkt – Heute: Heimbeatmungs-service

Die Lebensqualitäts-Verkäufer

Unterhaching - Als Zwei-Mann-Projekt sind sie vor knapp zwölf Jahren gestartet, heute beschäftigen sie 550 Mitarbeiter. Zwei gelernte Münchner Krankenpfleger revolutionieren mit ihrem Heimbeatmungsservice den deutschen Pflegebereich.

Jetzt sind sie zum zweiten Mal „Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen“ geworden.

„Es ist, als läge ein Berg Geldbündel vor deiner Tür, aber dir fehlt die Schubkarre, um ihn ins Haus zu schaffen.“ So versucht Christoph Jaschke die Situation der Firma „Heimbeatmungsservice“ in Worte zu fassen.  1998 hat er sie zusammen mit Jörg Brambring quasi als Zwei-Mann-Pflegedienst in Unterhaching gegründet. Sie bieten Patienten, die ständig maschinell fremdbeatmet werden müssen, den Pflegedienst zuhause an.

Heute fragen jährlich bis zu 500 neue Klienten aus ganz Deutschland an. Den meisten müssen Jaschke und Brambring absagen. Wollten sie der Nachfrage gerecht werden, müssten sie jedes Jahr 3000 neue Leute einstellen, schätzt Christoph Jaschke. Doch der Markt an qualifizierten Pflegekräften ist leer, keine Schubkarre in Sicht.

Auf die Idee sich selbstständig zu machen, kam der heute 39-Jährige, als er nach seiner Tätigkeit als Krankenpfleger in einer Klinik bei einem Pflegedienst jobbte. Enttäuscht von unqualifizierten Mitarbeitern und einer fehlenden Pflegedokumentation sagte er sich: „Das kannst du besser.“ Seitdem krempeln er und der 33-jährige Brambring als gemeinsame Geschäftsführer den Pflegebereich um.

Anfangs waren sie Stammkunden bei den Sozialgerichten. „Die Krankenkassen sahen riesige Kostenblöcke auf sich zurollen und viele Kunden mussten ihr Recht auf häusliche Pflege mühsam einklagen“, erinnert sich Jaschke. Intensivpflege zuhause, das war damals noch exotisch. Doch schon bald setzte sich diese Form der Intensivmedizin durch und das Unternehmen wuchs. „Es gab Jahre, in denen wir bis zu 150 Leute angestellt haben. Wir haben uns selbst schon Jobcenter genannt“, sagt Christoph Jaschke schmunzelnd.

In seinen zwölf Jahren Firmengeschichte verzeichnet der Pflegedienst nur ein Verlustjahr und macht regelmäßig mehrere Millionen Euro Umsatz. Mittlerweile bieten die Unterhachinger ihre Leistungen nicht nur bayernweit, sondern auch in Baden-Württemberg, Hessen, Rheinland-Pfalz und Nordrhein-Westfalen an. Derzeit kommen auf insgesamt 70 Klienten 550 Mitarbeiter, von denen viele in Teilzeit arbeiten. Ein Klienten-Pfleger-Verhältnis, auf das Christoph Jaschke besonders stolz ist. Eigentlich laufe es im Gesundheitssystem eher andersherum.

Jaschke schätzt die Zahlen derer, die seit Geburt, einem Unfall oder nach einer Krankheit permanent fremdbeatmet werden müssen auf bundesweit etwa 4000. Alleine in Bayern seien es etwa 600. Darunter viele Kinder.

Die Anforderungen an die Pflegekräfte sind nicht gerade gering. Hohe Sozialkompetenz ist genauso gefragt wie nachweisbare Erfahrung in Intensivmedizin und die Kenntnis der Geräte. „Wenn die Beatmungsmaschine aussetzt, bleiben eineinhalb Minuten um zu reagieren, sonst ist der Patient tot“, betont Jaschke.

Vor Ort gehört das Überwachen der technischen Ausrüstung, das Wechseln von Verbänden, das Absaugen der Luftröhre, die hauswirtschaftliche Versorgung sowie die Freizeitgestaltung zu den Aufgaben der Pflegemitarbeiter. Hin und wieder unternehmen sie sogar Urlaubsfahrten mit den Klienten. „Wir versuchen Lebensqualitäts-Verkäufer zu sein“, sagt Jaschke.

Dabei kann der Job durchaus belastend sein. „Wer hier ein Helfersyndrom hat, ist nach zwei Jahren platt“, sagt Jaschke. Das gilt es zu vermeiden. Deshalb sind dem dreifachen Familienvater die Mitarbeiter besonders wichtig. Fortbildungen sind selbstverständlich und bei den regelmäßigen Teambesprechungen kommt es schon mal vor, dass die Mitarbeiter, die sich übrigens alle duzen, spontan ein Kicker-Turnier einbauen.

Ein Konzept, das aufgeht. „Wir haben eine Krankenstandsquote von unter drei Prozent“, betont Jaschke. Normal sind im Pflegeberuf Quoten im zweistelligen Bereich. Außerdem erhielt der Heimbeatmungsservice gerade zum zweiten Mal das Siegel „Bester Arbeitgeber im Gesundheitswesen“ vom „Great Place to Work Institute“ Deutschland.

Das bayerische Wirtschaftsministerium prämierte die Firma bereits dreimal als eines der 50 dynamischsten Unternehmen des Freistaats. Auszeichnungen, die jetzt helfen sollen, sich auf dem hart umkämpften Markt Mitarbeiter zu sichern. Als Schubkarre, aber vor allem, um noch mehr Beatmungspatienten ein Mindestmaß an Selbstständigkeit gewähren zu können.

Marco Litzlbauer

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