Lebensversicherung: Nicht nur auf den Steuervorteil schauen

- In wenigen Monaten wird das über 100 Jahre alte Steuerprivileg für Lebensversicherungen Geschichte sein. Das Hauptverkaufsargument für die "Volkspolice" der Deutschen ist ab 2005 abgeschafft. Auszahlungen aus neuen Verträgen müssen künftig versteuert werden. Nur wer bis Ende 2004 abschließt, kann noch von der Steuerfreiheit der Geldanlage profitieren - Anlass genug für die rund 110 Lebensversicherer, eine Art Schlussverkauf auszurufen und ihre Verkäufer zum Herbst hin noch einmal kräftig ausschwärmen zu lassen.

<P>Weil die Anlage nun ein Auslaufmodell sei, erhofften sich Anbieter und Vermittler im Endspurt noch letzte milliardenschwere Umsätze, erklärt Arno Gottschalk, Finanzfachmann der Verbraucherzentrale Bremen. Bereits 1999, als die Steuerfreiheit schon einmal auf der Kippe stand, machte die Branche ein Ausnahmegeschäft, wie Statistiken des Gesamtverbandes der deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) zeigen.</P><P>Die finale Verkaufsoffensive ist vielerorts schon angelaufen. Versicherungsvertreter kündigen scharenweise ihren Besuch an. Per Telefon oder in Briefen wird mit Blick auf den baldigen Wegfall des Steuerprivilegs zum Abschluss gedrängt. Fürs Anwerben von Neukunden locken nicht zuletzt hohe Provisionen.</P><P>"Nicht verrückt machen lassen", mahnt Verbraucherschützer Peter Grieble zur Vorsicht. Ausverkaufsstimmung sei nicht angebracht. Nur für die wenigsten Bürger lohne es sich tatsächlich, den Steuervorteil in diesem Jahr noch mitzunehmen. Der Steueraspekt allein sei kein Grund, überhastet zuzugreifen.</P><P>"Im Regelfall kann man den Leuten vom Neuabschluss einer Lebensversicherung abraten", ist auch Wolfgang Scholl vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (VZBV) überzeugt. Die Jagd nach Steuerfreiheit verstelle meist den Blick aufs Wesentliche. Und da sieht es eher trüb aus.</P><P>Der Lack ist längst ab, wie sämtliche Verbraucherschützer einmütig betonen: Stolze Renditen von 6 oder 7 Prozent gibt es nicht mehr. Die wichtigen Überschussbeteiligungen fallen von Jahr zu Jahr spärlicher aus. Die Verträge werfen immer weniger ab. Derzeit werben die Gesellschaften zwar mit Gewinnprognosen um die 4 Prozent. Aber aufgepasst: "Alles nur unverbindliche Hochrechnungen", warnt Grieble vor überzogenen Erwartungen.</P><P>Worauf Neukunden höchstens bauen können, ist der Garantiezins. Aber auch der ist inzwischen auf den historisch niedrigen Stand von 2,75 Prozent abgesackt. Und nicht einmal das ist das letzte Wort: Abzüglich aller Verwaltungskosten und sonstiger Posten büßt der Versicherungsnehmer noch einmal einiges an Ertrag ein.</P><P>Gegen eine neue Lebensversicherung spreche zudem die anstehende Arbeitsmarktreform Hartz IV, gibt Gottschalk zu bedenken. Mit Ausnahme von Beamten solle jeder Arbeitnehmer damit rechnen, dass eine Gewinn bringende Police in Zukunft bei längerer Arbeitslosigkeit zuerst zu Geld gemacht werden müsste, bevor es staatliche Unterstützung gebe. Weiterer Nachteil: Eine Beitragsfreistellung in finanziellen Krisenzeiten wegen Babypause oder Umsatzeinbußen bei Selbstständigen müsste immer teuer erkauft werden, meint Katharina Lawrence von der Verbraucherzentrale Hessen.</P><P>Die hohe Stornowahrscheinlichkeit sei grundsätzlich ein Argument gegen einen Neuabschluss, betont Scholl. Jeder zweite Vertrag werde mittlerweile vor Ablauf gekündigt. Der Finanzexperte warnt: "Kaum jemand ist davor gefeit, irgendwann einmal an sein Geld ran zu müssen." Wer in eine Lebensversicherung einspare, komme aber in der Regel nur unter massiven Verlusten vorzeitig wieder aus der Police heraus.</P><P>Sinnvoll dürfte ein Neuabschluss bis Jahresende höchstens noch für Selbstständige sein - wenn die Auszahlung auf einen Schlag erfolgt und nicht als monatliche Rente, sind sich Finanzfachleute einig. Oder für Vermögende, die einen größeren Betrag längerfristig steuergünstig parken wollen. Wer sich jetzt noch für eine Lebensversicherung entscheide, solle unbedingt einen leistungsstarken Versicherer wählen, empfiehlt Scholl. Einen gebührenpflichtigen Überblick bekommt man unter anderem bei den Verbraucherzentralen. Aber auch für entschlossene Neukunden bis Jahresende gilt grundsätzlich der Rat Griebles: "Finger weg, wer nicht ganz sicher ist, die zwölf Jahre bis zur Steuerfreiheit der Anlage durchhalten zu können."<BR></P>

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