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Inhaber von Lebensversicherungen sind verunsichert: Wird die Beteiligung an den Bewertungsreserven gestrichen, können viele, deren Police bald abläuft, Geld verlieren.

Das sollten Versicherte beachten

Lebensversicherung: Wann sich der Rückkauf lohnt

München - Die Regierung denkt darüber nach, Inhabern von Lebensversicherungen einen saftigen Anteil an den Bewertungsreserven zu streichen. Läuft der Vertrag demnächst aus, kann sich ein Rückkauf lohnen. Doch dafür muss der Anleger genau rechnen.

An einem dieser Sonnentage Mitte März saß Werner Fuchs in seinem Büro und verglich drei Summen: 64.843,30 Euro, 61.289,42 Euro und 62.838,79 Euro. Zu jeder Zahl gehörte ein Szenario: „Was wäre, wenn“. Und alles hatte mit Plänen zu tun, die der Parlamentarische Staatssekretär im Bundesfinanzministerium, Michael Meister, vor Journalisten ausgeplaudert hatte. Fuchs spielte die drei Varianten immer wieder durch. „Ich habe mich gefühlt, als säße ich im Proseminar zur Entscheidungstheorie“, erzählt der promovierte Betriebswirt. Die richtige Entscheidung zu treffen, war wichtig, schließlich ging es um viel Geld. Geld aus seiner Kapitallebensversicherung, die am 1. September 2014 fällig werden würde.

Wie Werner Fuchs geht es derzeit vielen Anlegern mit Kapitallebensversicherungen, die in Kürze ablaufen. Sie überlegen, ob sie ihre Police schnell noch zurückkaufen sollen. Der Grund: Die Bundesregierung will den Versicherten die Beteiligung an den so genannten Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere streichen.

Beteiligung an Bewertungsreserven bei Lebensversicherungen

Bewertungsreserven entstehen in den Bilanzen von Versicherern, wenn der Marktwert von Kapitalanlagen steigt. „Es gibt zwei Arten dieser Reserven“, erklärt Peter Schwark, Geschäftsführer des Gesamtverbandes der Deutschen Versicherungswirtschaft e.V. (GDV). „Solche, die etwa durch den Wertzuwachs von Aktien und Immobilien zustande kommen, und andere, die sich durch die Kursschwankungen von festverzinslichen Wertpapieren bilden.“ Die Wertsteigerung von Aktien und Immobilien bedeutet über die Jahre meist einen tatsächlichen Vermögenszuwachs. Die Kurse von festverzinslichen Papieren, wie zum Beispiel Staatsanleihen, hingegen schwanken rund um den Ausgabepreis. Sinken die Zinsen, steigt der Wert von Anleihen mit höheren Zinskupons, die die Versicherer bereits gekauft haben. Die Folge: Die Bewertungsreserven erhöhen sich.

Genau das bereitet den Lebensversicherern jetzt Probleme. Das dauerhaft niedrige Zinsniveau hat die Reserven auf festverzinsliche Papiere deutlich steigen lassen. Und seit 2008 müssen sie diese zu 50 Prozent ausschütten, wenn Verträge auslaufen oder Kunden ihre Police zurückkaufen. „Die hohen Summen können nicht mehr allein aus dem Topf für die Schlussüberschüsse der anderen Versicherten gezahlt werden“, sagt Schwark. Daher seien die Versicherer gezwungen, Anleihen zu verkaufen, um den Wertzuwachs zu realisieren. „Das Geld aus den Papieren muss dann wieder angelegt werden“, erläutert der Experte. Zu niedrigen Zinsen. In der Tat ein Problem.

„Allerdings nicht meins“, sagt Fuchs. Seinen Anteil an den Bewertungsreserven wollte er sich nicht entgehen lassen. Daher stellte der Betriebswirt drei Zahlen gegenüber: die voraussichtliche Ablaufleistung seiner Lebensversicherung Anfang September, die Ablaufleistung ohne Bewertungsreserven und den Rückkaufswert zum 1. April 2014. „Wer seine Versicherung zurückkauft, verzichtet auf die Schlussüberschüsse“, sagt Fuchs. Dieser Betrag kann aber geringer ausfallen als die Summe, die dem Versicherten durch einen Wegfall der Bewertungsreserven entginge. Fuchs wollte es wissen. Von seiner Versicherung hatte er über die sogenannte Standmitteilung regelmäßig die voraussichtliche Ablaufleistung seines Vertrages zum 1. September 2014 erhalten. Zuletzt im Mai 2013. Diese lag bei 60 284,19 Euro – inklusive des Schlussüberschusses von 1964 Euro und des damals gültigen Sockelbetrages für die Bewertungsreserven aus Aktien und Immobilien in Höhe von 1072,92 Euro.

Aufgeschreckt durch die Ankündigungen Meisters ließ sich Fuchs Mitte März den Rückkaufswert seiner Police zum 1. April dieses Jahres mitteilen. Seine Versicherung wies inklusive des inzwischen gestiegenen Sockelbetrages für die Reserven auf Aktien und Immobilien über 2078,15 Euro einen vorläufigen Rückkaufswert von 58 645,81 Euro aus. Außerdem fand sich in diesem Schreiben ein wichtiger Hinweis: die Summe für den „volatilen Teil der Bewertungsreserven“. „Das war der Hinweis auf meinen Anteil am Wertzuwachs der festverzinslichen Papiere. Er war mit 3553,88 Euro beziffert“, berichtet Fuchs. Dieser Betrag war in der Standmitteilung von 2013 nicht zu finden gewesen.

Zahlenliebhaber Fuchs rechnete weiter: 58 645,81 Euro plus 3553,88 Euro ergaben einen Rückkaufswert zum 1. April in Höhe von 62 199,69 Euro. Hinzu kämen die fünf Monatsbeiträge in Höhe von jeweils 127,82 Euro, die Fuchs bei einem Rückkauf sparen würde. Plus dieser 639,10 Euro könnte er also über eine Summe von 62 838,79 Euro verfügen, wenn er zum 1. April kündigte.

Drei Szenarien – drei Ablaufleistungen

Nun ermittelte Fuchs die Ablaufleistung seiner Versicherung zusätzlich der 3553,88 Euro aus dem „volatilen Teil“ der Bewertungsreserve und des neuen, für 2014 gültigen Sockelbetrages. „Die Bewertungsreserven aus festverzinslichen Wertpapieren werden sich bis zum 1. September wegen der Kursschwankungen mit Sicherheit verändern“, räumt Fuchs ein, „aber mit irgendwas muss man ja rechnen“. Um wenigstens auf eine Überschlagssumme zu kommen, bezog er den Betrag ein. Die Rechnung ergab 64 843,30 Euro. In dieser Größenordnung fiele die Ablaufleistung seiner Lebensversicherung aus, falls die Bundesregierung ihre Pläne bis zum 1. September nicht umsetzen würde.

„Sollte die Regierung die Beteiligung an den Bewertungsreserven auf festverzinsliche Papiere vor dem 1. September streichen, wären die 3553,88 Euro weg und ich bekäme nur eine Ablaufleistung von 61 289,42 Euro“, sagt Fuchs.

Aussitzen oder zurückkaufen?

Aussitzen oder zurückkaufen? Das war die Frage. „Falls die Regierung ihre Pläne nicht verwirklicht, würde ich mit dem Rückkauf ein Minus von rund 2000 Euro machen“, sagt Fuchs. Sollten die Bewertungsreserven auf Festverzinsliche aber tatsächlich bis zum 1. September gestrichen werden, würde der Rückkauf heute ein Plus von gut 1500 Euro bedeuten. „Und weil ich davon ausgehe, dass der Bund bis September Ernst macht, war mir dieses Szenario das liebste.“

Lebensversicherung: Das sollten Versicherte beachten

Achtung Einzelfall

Grundsätzlich lohnt sich der Rückkauf einer Lebensversicherung nur, wenn der Vertrag bereits Jahrzehnte läuft. Andernfalls hat sich noch kein ausreichender Rückkaufswert angesammelt. Doch selbst wenn die Lebensversicherung in Kürze abläuft, sollte sich jeder Versicherte individuell ausrechnen (lassen), ob ein Rückkauf empfehlenswert sein könnte oder nicht. Und überlegen, was er von den Plänen der Regierung hält.

Standmitteilung und Rückkaufswert

Wer Ablaufleistung mit und ohne Bewertungsreserven sowie Rückkaufswert überschlagen möchte, kann bei der Versicherung eine aktuelle Standmitteilung anfragen und sich den Rückkaufswert mitteilen lassen. Vorsicht: Zuweilen weisen die Versicherer die Höhe der Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere nur im Schreiben zum Rückkaufswert aus, nicht aber in der Standmitteilung. Diese Summe muss der Anleger jedoch kennen, sonst sind annähernd realistische Berechnungen nicht möglich.

Zwei Arten von Reserven

Die Versicherer berechnen Bewertungsreserven auf Aktien und Immobilien und Bewertungsreserven auf festverzinsliche Wertpapiere. Nur die Reserven auf die Festverzinslichen schwanken stark im Wert, nur diese Beträge will die Regierung den Versicherten eventuell zu streichen. Versicherer weisen die beiden Arten zum Teil nicht getrennt aus. In diesem Fall muss der Versicherte die Höhe seiner Beteiligung an den Reserven auf festverzinsliche Papiere unbedingt erfragen. Auch wenn die Antwort zuerst anders lautet: Versicherungen können den Betrag nennen!

Kündigung zurückziehen

Hat ein Versicherter seinen Vertrag bereits gekündigt, entscheidet sich aber doch noch einmal um, so kann er die Kündigung unter Umständen zurückziehen. Dies ist allerdings maximal bis zur Auszahlung des Rückkaufswertes möglich. Ob es grundsätzlich geht, sollte der Kunde bei seinem Versicherer unbedingt erfragen, bevor er die Police kündigt.

Von Andrea Martens

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