Lebensversicherungen: Betrügerischer Policen-Handel

München - Wer seine Lebensversicherung aus finanziellen Nöten heraus auf dem Zweitmarkt verkaufen möchte, stößt immer öfter auf dubiose Geschäftemacher. Auch die Bafin hat sich eingeschaltet. Statt zu kündigen, sollten Verbraucher ältere Policen lieber stilllegen.

Lebensversicherungskunden in Finanznot sollten mächtig auf der Hut sein: Wer versucht, seine Police am freien Markt zu verkaufen, geht inzwischen unkalkulierbare Risiken ein. Am Ende kann der Totalverlust stehen. „Der seriöse Zweitmarkt für gebrauchte Lebensversicherungen ist tot“, warnt Hajo Köster vom Bund der Versicherten (BdV). Die Chance, eine Police auf diesem Weg noch ein wenig besser zu Geld zu machen als beim Storno, geht derzeit gegen null.

Illegaler Handel alarmiert Bafin

Stattdessen ist die Gefahr gewachsen, von dubiosen Geschäftemachern über den Tisch gezogen zu werden. Im Internet wimmelt es von Angeboten zum Ankauf von Lebensversicherungen. Wen wundert’s: Jede zweite der etwa 94 Millionen Policen wird vorzeitig gekündigt. Interessenten bekommen Auszahlungen von „bis zu 200 Prozent des Rückkaufwerts in bar“ versprochen – also deutlich mehr Geld als der eigene Versicherer jemals bei einer vorzeitigen Kündigung zahlen würde. „Auch wenn bald Weihnachten ist, kann das nicht funktionieren, niemand hat etwas zu verschenken“, mahnt Köster zur Vorsicht. Sein dringender Rat: Finger weg. Diese Art von Policenhandel sei noch dazu illegal. Die Finanzaufsicht Bafin hat sich bereits eingeschaltet, das Geschäftsmodell als unerlaubtes Einlagengeschäft bewertet und drei Anbietern vor kurzem den Geschäftsbetrieb untersagt, darunter ist die Firma Pecunia-Concept AG.

Verlockende Summen auf Jahre verteilt

Wer zuschlägt, tausche seine sichere Police gegen ein völlig unsicheres Geschäft ein, gibt auch Lars Gatschke vom Bundesverband der Verbraucherzentralen (vzbv) in Berlin zu bedenken. Der Haken: Die Ankäufer bieten zwar verlockend hohe Summen an, wollen das Geld aber nicht auf einmal auszahlen, sondern in Tranchen über sieben oder zehn Jahre verteilt. ie viel der Kunde letztlich auf die Hand bekommt, bleibt erst einmal im Dunkeln. Manchmal sollten sich 70-jährige Kunden auch mit monatlichen Raten über 32 Jahre zufriedengeben, heißt es bei der Bafin. Gleichzeitig kündigen unseriöse Aufkäufer die Police, stecken das Geld aus den Lebensversicherungen der Kunden in Beteiligungen am Grauen Kapitalmarkt, wie Köster erläutert. Und der Verkäufer muss schlimmstenfalls seiner versprochenen Auszahlung hinterherlaufen. Zusatzhaken: Der Todesfallschutz ist mit der verkauften Lebensversicherung auch weg.

„Bei uns suchen Menschen Rat, die sich über Probleme bei den Teilzahlungen beklagen“, berichtet Kerstin Becker-Eiselen von der Verbraucherzentrale Hamburg.

Harte Zeiten für den Zweitmarkt

„Unsere Sorge ist, dass diese Art von Anbietern den guten Ruf des seriösen Zweitmarkts in Verruf bringen“, sagt Ingo Wichelhaus, Vorstand des Bundesverbands Vermögensanlagen im Zweitmarkt Lebensversicherungen (BVZL). Die Zeiten sind schon hart genug. Der einst florierende Handel mit gebrauchten Lebensversicherungen ging im Sog der Finanzkrise in die Knie. Seriöse Firmen kaufen kaum mehr Policen klammer Versicherungskunden an. Viele seriöse Aufkäufer wie das Münchner Unternehmen Cash Life sitzen selbst in der Klemme. „Wir kriegen tausende von Anfragen jeden Monat, nehmen aber nur sehr selektiv und geringe Mengen“, sagt Joachim Rumpf, Justiziar von Cash Life.

Das Dauerniedrigzinsniveau macht der Branche zu schaffen. Der Policenankauf wird oft auf Pump vorfinanziert. Je höher die Kreditzinsen sind, desto mehr sinkt die Gewinnspanne. Dazu kommt, dass die Renditen vieler Versicherungsverträge nach unten tendieren. Und dann fehlen auch die Abnehmer für die aufgekauften Policen.

Policen kündigen oder stilllegen

Wer eine relativ junge Police unbedingt zu Geld machen muss oder möchte, dem bleibe derzeit häufig nur die Kündigung, betont Becker-Eiselen. Dem Verbraucher bleibt nach dem Wegfall der seriösen Policenhändler nicht viel mehr übrig, als sich dann mit dem mageren Rückkaufswert des Versicherers zu bescheiden.

Bei Verträgen, die schon seit 15 Jahren laufen oder noch länger, kann es dagegen besser sein, sie zu behalten und nur beitragsfrei zu stellen. Bei Garantiezinsen von 3 oder gar 4 Prozent sei es schlauer, das Laufzeitende abzuwarten. Wer Glück hat, bekommt dann am Ende noch Überschüsse obendrauf ausgezahlt. „Ob sich das halten lohnt, können Verbraucherzentralen ausrechnen“, sagt Becker-Eiselen. Ein anderer Ausweg aus der Finanzmisere kann das Beleihen der Police beim eigenen Versicherer sein, oft möglich bis zur Höhe des Rückkaufswerts. Das sei in der Regel „eine wunderbare Lösung“, betont Köster. Der Versicherte behält weiter seinen Versicherungsschutz und wird trotzdem finanziell schnell wieder flüssig.

Berrit Gräber

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