Mit leeren Händen in die Betriebe

- Berlin - Geschlagen kommen IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, sein Stellvertreter Jürgen Peters und Verhandlungsführer Hasso Düvel am Samstagvormittag zurück ins Hotel Schweizer Hof. "Ich habe in meinem langen gewerkschaftlichen Leben viele Pressekonferenzen durchgeführt", sagt Zwickel langsam, wie in einer Predigt. "Mein Bestreben war darauf gerichtet, die heutige, mit dem Ergebnis, was wir zu verkünden haben, zu vermeiden." Das Wort "Niederlage" fällt dann noch, und "Scheitern", und "die bittere Wahrheit".

<P>Es ist eine Art GAU für die IG Metall: Die Verhandlungen um die Einführung der 35-Stunden-Woche in Ostdeutschland sind gescheitert, aber die Gewerkschaft hat kein Druckmittel mehr in der Hand. Nach vier Wochen soll der Streik in der ostdeutschen Metall- und Elektrobranche ergebnislos abgebrochen werden - auch unter dem Eindruck, dass die Stimmung im Land den Gewerkschaften äußerst feindselig begegnet, wie Zwickel einräumt.</P><P>Und dann wird auch noch der Flächentarif - zumindest für diese ostdeutsche Branche und zumindest auf absehbare Zeit _ gleich mit beerdigt. 16 Stunden lang hatten die Gewerkschafter bis kurz nach 6 Uhr am Samstagmorgen im Schweizer Hof mit den Metall-Arbeitgebern gerungen. </P><P>Was in der Nacht hinter den Kulissen vorgegangen ist, beschreiben die Gewerkschafter so: Zwickel habe sich schon am Donnerstag mit Gesamtmetall-Chef Martin Kannegiesser auf eine Gesprächsgrundlage geeinigt, nämlich ein Modell flexibler Arbeitszeitkorridore. Betriebe sollten nach Ansicht der Gewerkschaft nach einem Einstieg in eine Wochenarbeitszeit von 37 Stunden 2004 selbst bestimmen können, wie und wann sie die 35-Stunden-Woche erreichen, solange dies bis 2009 geschafft wäre. Bei schlechter Betriebslage wollte die IG Metall eine Frist bis 2011 akzeptieren. In der Zwischenzeit hätte die Gewerkschaft flexible Arbeitszeiten bis 40 Stunden mitgemacht, wenn dabei die Mehrarbeit auf Arbeitszeitkonten verrechnet worden wäre. </P><P>Da die Arbeitgeber immer noch nicht hätten mitmachen wollen, habe man ein weiteres Angebot gemacht: Arbeitszeitverkürzung auf Grundlage von Produktivitätssteigerung und ohne festes Enddatum. Das wäre eine "tarifpolitische Innovation" gewesen und voller Risiken für die IG Metall, wie Zwickel betont. "Das ist gescheitert an der uneinsichtigen Haltung der Metallarbeitgeber", sagt Zwickel.</P><P>Noch nie habe es eine vergleichbare Streikniederlage gegeben. Bis 1954 gehen die Archivare zurück, bis sie überhaupt auf einen abgebrochenen Metallerstreik treffen. So kehrt die Gewerkschaft nach vier Wochen Arbeitskampf mit leeren Händen zurück in die Betriebe und versucht dort, mit Arbeitgebern individuell zu neuen Arbeitszeitmodellen zu kommen. In fünf bis zehn großen Werken werde dies wahrscheinlich gelingen, meint Peters. Für die Mitarbeiter kleinerer Betriebe werde hingegen zunächst nichts zu machen sein.</P><P>In welchem Zustand dieses Erdbeben die Gewerkschaftslandschaft hinterlässt, will an diesem Tag noch niemand recht bewerten. "Wir sollten die Situation nicht dramatisieren", sagt Zwickel, um dann anzufügen: "Wir haben faktisch keinen Flächentarifvertrag mehr im Osten." Das könne Begehrlichkeiten wecken - auch in anderen Branchen.<BR><BR></P>

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