Ein "leiser, weißer Elefant": Beifall übertönte den startenden A380

- Toulouse - Ein historischer Moment in der Geschichte der europäischen Industrie. Um 10.29 Uhr drückten gestern die Testpiloten Claude Lelaie und Jacques Rosay die Schubhebel des Airbus A 380 nach vorn und entfesselten die Kraft der vier Rolls-Royce-Triebwerke. Rund 30 Sekunden beschleunigte der Vierstrahler auf der 3500 Meter langen Startbahn. Nach 1800 Metern hob der 421 Tonnen schwere Jet ab und stieg in den blauen Himmel über Südfrankreich.

<P>"Wie ein großer weißer Elefant", kommentierten Fans am Rand der Startbahn in Toulouse den Bilderbuchstart des 73 Meter langen Jets. Dabei wurde ein Vorteil des neuen Flugzeuges deutlich: Der Gigant raste extrem leise über die Startbahn - und übertönte nicht einmal den Beifall der Zuschauer.<BR><BR>Aus Sicherheitsgründen wurde das Fahrwerk erst in 3000 Metern Höhe nach 100 Kilometer Flug eingefahren. Die Piloten prüften zudem die Beschleunigung und das Einfahren der Klappen.<BR><BR>"Die Beschleunigung des Flugzeugs und die Steuerung sind exakt so wie auf dem Simulator", meldete Testpilot Jacques Rosay. Die Maschine mit knapp 80 Metern Spannweite, die in der Standardversion 555 Passagiere über 15 000 Kilometer befördern soll und in der Charterklasse 853 Plätze bietet, habe ihre Stabilität auch im automatischen Flug behalten.<BR><BR>"Das ist ein normaler Testflug, aber natürlich ein ganz besonderes Flugzeug", sagte Airbus-Testpilot Peter Chandler in Toulouse. Der erfahrene Spezialist war bei diesem Jungfernflug nicht an Bord, sondern unterstützte seine Kollegen vom Boden aus. "Die Besatzung war in den vergangenen Wochen fast ständig im Simulator", beschrieb Chandler die intensive Vorbereitung des Testflugteams.<BR><BR>Flugzeugfans aus ganz Europa hatten den Flughafen der südfranzösischen Stadt seit mehreren Tagen belagert und verfolgten jede Bewegung des Giganten. Als die Besatzung mit den Testpiloten Claude Lelaie, Jacques Rosay, dem deutschen Ingenieur Manfred Birnfeld und drei weiteren Spezialisten um kurz nach 10 Uhr losrollt, winken mehrere tausend Airbus-Mitarbeiter und Flugzeugfans auf dem Flughafen.<BR><BR>Nach dem Abheben nahm der Gigant entlang der Pyrenäen Kurs auf den Golf von Biscaya. Dort begannen im Cockpit die ersten Tests. Sie prüften, wie sich die Maschine bei niedrigen und hohen Fluggeschwindigkeiten verhält. Außerdem mussten Systeme wie die Druckkabine erstmals ihre Funktionstüchtigkeit beweisen.<BR><BR>Nach der Landung um 14.22 Uhr, die so perfekt ablief wie der Start, sprach Chefpilot Claude Lelaie von einem "überaus erfolgreichen" Jungfernflug. "Wir haben jede Minute davon genossen." Alle Testziele seien erreicht worden.<BR>Sein Kollege Jacques Rosay sagte, jeder Airbus-Pilot werde sich im A380-Cockpit wie zu Hause fühlen. Das ist eine für Airbus ganz besonders wichtige Aussage. Denn von Anfang an haben die Europäer anders als Boeing großen Wert darauf gelegt, dass ein Wechsel innerhalb der Flotte möglich ist, ohne dass Piloten dabei das Fliegen beinahe neu erlernen müssen.<BR><BR>Bundeskanzler Gerhard Schröder lobte den "großen Erfolg für die Innovationskraft europäischer Unternehmen". Der französische Präsident Jacques Chirac sprach von einer "Ermutigung, auf diesem Weg des Aufbaus eines Europas der Innovation und des Fortschritts voranzuschreiten".<BR><BR>Mit dem erfolgreichen Erstflug ist aber nur ein Etappensieg erreicht. In den kommenden Monaten stehen die entscheidenden Tests an, wenn die Piloten den Vierstrahler bis an die Grenzen seiner Belastbarkeit prüfen. Dabei werden ganz bewusst Flugmanöver geflogen, die später im Liniendienst niemals auftreten sollen.<BR><BR>Praxistests ganz anderer Art stehen im Spätsommer auf dem Programm. Dann wird die Kabinenausstattung auf Herz und Nieren geprüft. Bei so genannten "Route Proving"-Flügen startet der neue Airbus mit Testpassagieren an Bord zu großen Flughäfen weltweit. Dann wird die Funktion von Klimaanlage, Küchen und Toiletten ausprobiert, ebenso die Abfertigung am Flughafen.</P>

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