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Ein Selfie zum Schluss: Für die Kamera lächeln diese beiden Mitarbeiter von Air Berlin noch einmal.

Ära geht zu Ende

Air Berlin macht den Abflug: Abschiedsbesuch am Münchner Flughafen

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Das letzte Abheben, der letzte Flug, die letzte Landung – seit Freitagabend ist die Fluglinie Air Berlin Geschichte. Ein Abschiedsbesuch am Flughafen München.

München – Die Stimmung ist gedrückt an Terminal 1 im Flughafen München. Fünf Mitarbeiter von Air Berlin stehen eng beisammen, ihre Arbeitskleidung tragen sie schon nicht mehr. Reihum umarmen sie sich, es fließen Tränen. Die Männer und Frauen haben Dienstschluss, sie beenden ihren letzten Arbeitstag bei der Fluggesellschaft. Es ist Zeit, Abschied zu nehmen. Plötzlich packt eine Frau ihren Kollegen am Arm. „Komm, ein Selfie machen wir noch.“ Ab zu einer der rot-weißen Werbetafeln, die schon am nächsten Tag nicht mehr da sein werden. Ein letztes Foto. Ein letztes Lächeln für Air Berlin.

Einige Stunden später hebt der letzte Air-Berlin-Flug in München ab. Flugnummer: AB 6210. Die Münchner Flughafenfeuerwehr wird den letzten Flieger mit einer Fontäne auf dem Flugfeld verabschieden. Ziel: Berlin-Tegel. Planmäßige Ankunft: 22.45 Uhr. Damit endet die Geschichte der bisher zweitgrößten deutschen Fluggesellschaft. Nicht aber das zähe Ringen um die Arbeitsplätze von rund 4000 Mitarbeitern, die nicht bei der Lufthansa oder einer anderen Gesellschaft unterkommen.

Air-Berlin-Herzen für 250 Euro – gibt’s auf Ebay.

Seit 15. August, als die ersten Eilmeldungen über die angemeldete Insolvenz von Air Berlin die Runde machen, kämpfen Personalvertreter gegen Entlassungen. Klar ist: Eine einfache Lösung für alle Betroffenen wird es nicht geben. Und die Zeit drängt. Am 2. November will das Arbeitsgericht Berlin über einen Antrag der Personalvertretung urteilen. Deren Ziel: Kündigungen sollen verboten werden, weil es mit dem Arbeitgeber keine Verhandlungen über einen Sozialplan gegeben habe.

Die Insolvenz und ihre Folgen bieten Stoff für semesterlange Juristenseminare. Jenseits der rechtlichen Schlacht hat längst der Abschied von einer Linie begonnen, deren rot-weiße Flugzeuge jedes Kind kennt. Dabei treibt die Nostalgie auch kuriose Blüten. Bei Ebay bieten ambitionierte Händler Air-Berlin-Schokoherzen für bis zu 250 Euro an. Als handele es sich um teure und reife Weine längst stillgelegter Weingüter. Und Flugfans lieferten sich einen Wettstreit um die letzten Tickets. Eine Beerdigung über den Wolken scheint manchen Menschen eine reizvolle Aussicht zu sein.

Das ist natürlich reichlich absurd. Sehr echt ist dagegen das Gefühl vieler Menschen, die bei der Fluggesellschaft angestellt sind – und derzeit nicht wissen, ob sie eigentlich noch Mitarbeiter oder schon Ex-Mitarbeiter sind. Noch eine Anekdote aus den aufwühlenden vergangenen Wochen: Da dreht ein Pilot am 16. Oktober nach seinem letzten Überseeflug eine Ehrenrunde über dem Düsseldorfer Flughafen. Über den Gehalt dieser Geste kann man streiten, aber böse Absicht mag keiner unterstellen. Zumal die Fluglotsen vorher eingeweiht wurden. Dennoch werden Pilot und Crew suspendiert. Das Unternehmen teilt mit, das sei ein „normaler Prozess“ nach einem solchen Vorfall.

Airline-Chef bekommt Gehalt bis 2021

Nur: Was ist normal? Und was nicht? Wer das Scheitern von Air Berlin verfolgt, landet häufiger bei diesen Fragen. Mitten ins Ringen um die berufliche Existenz tausender Menschen – übrigens keineswegs ausschließlich gut bezahlte Piloten – platzt die Nachricht: Unternehmenschef Thomas Winkelmann hat sich vertraglich zusichern lassen, sein Gehalt bis 2021 zu erhalten. Trotz Insolvenz. 950 000 Euro Grundgehalt im Jahr. 400.000 Euro Mindestbonus im ersten Jahr. Was die Nummer nicht besser macht: Winkelmann ist erst seit Februar 2017 bei Air Berlin.

Freitag in München: die letzten Passagiere

Als er den Laden übernimmt, ist es für die Airline, die seit ihrem Erstflug 1979 nach eigenen Angaben mehr als eine halbe Milliarde Passagiere befördert hat, schon fast zu spät – zumindest legt das der Blick zurück nahe. Schnelldurchlauf: Im Mai 2006 geht Air Berlin an die Börse, übernimmt nach und nach weitere Fluggesellschaften. Später steigt der Preisdruck, die Airline verkauft weniger Tickets, in Pressemitteilungen ist das Unwort „Restrukturierungsmaßnahmen“ zu lesen. Die Fluglinie verkauft schließlich ihre Flugzeuge und mietet sie nur noch, aber die Schulden steigen weiter. Dann zieht Großaktionär Etihad finanzielle Zusagen zurück. Im August 2017 beginnt das Insolvenzverfahren, der Bund ermöglicht mit 150 Millionen Euro zwei weitere Monate. Aber der Niedergang von Air Berlin ist nicht aufzuhalten.

Hoffnung für die Mitarbeiter am Boden

Die vor fast 40 Jahren gegründete Fluggesellschaft hatte zuletzt rund 8000 Mitarbeiter. Etwa 1700 davon werden durch den Kauf der nicht insolventen Tochterfirmen Niki und LGW übernommen, weitere 1300 können sich auf von der Lufthansa angebotene Stellen bewerben.

Gehalt bis 2021: Chef Thomas Winkelmann.

Hoffnung gibt es auch für die etwa 1200 Mitarbeiter am Boden, für die unter Beteiligung von Berlin eine Transfergesellschaft gegründet werden könnte. Außerdem liefen bereits mehrere Jobmessen für die Air-Berlin-Mitarbeiter. Für den Großteil der Belegschaft ist die Situation jedoch fatal. „Viele stehen jetzt erst einmal im Regen“, sagt eine Mitarbeiterin einer anderen Fluggesellschaft. „Was gerade mit den Kollegen passiert, macht einen sprachlos.“ Das Verhalten der Verantwortlichen ist ihr ein Rätsel. „Man behauptet, es wird Personal übernommen. Doch im Grunde sind das alles offene Stellen, auf die sich jeder bewerben kann.“

Zur Crew des letzten Air-Berlin-Fluges von München nach Berlin-Tegel gehört Stewardess Carola Fietz. Seit 1994 hat sie bei der Airline gearbeitet. Der Abschied macht sie wehmütig. „Man fragt sich: Das soll es jetzt gewesen sein?“ Ein besonderes Andenken wird sie behalten: die roten Handschuhe ihrer Uniform. „Sie erinnern mich an so viele schöne Situationen. Sie haben Stil – und man kam immer sehr schnell mit den Gästen ins Gespräch.“

Lesen Sie auch: Was man zum Ende von Air Berlin wissen muss

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