"Liechtenstein lässt sich nicht alles gefallen"

München - Seit Mitte Februar schlägt die Staatsanwaltschaft Bochum gegen hunderte deutsche Steuersünder zu. Die Vorlage dafür lieferte ein früherer Mitarbeiter der Liechtensteiner LGT Gruppe, der 2002 die Kontodaten von 1400 Kunden aus dem Unternehmen geschmuggelt hatte und sie an den BND verkaufte - ein Super-Gau für die verschwiegenen Banker, der auch Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel sein Amt kostete.

Jetzt kämpft LGT-Vorstandschef Prinz Max von und zu Liechtenstein darum, Vertrauen zurückzugewinnen und Vorurteile gegen sein Land auszuräumen. Redakteure unserer Zeitung trafen den Fürsten im Hotel Bayerischen Hof in München.

-Durchlaucht, was besorgt Sie mehr: Die weltweite Finanzkrise oder die Steueraffäre in Deutschland?

Die Steueraffäre hat in der LGT-Gruppe viel Zeit in Anspruch genommen und unserer Reputation sicherlich geschadet. Auch die Turbulenzen an den Finanzmärkten verfolgen unsere Anlageexperten ganz genau. Wir sind aber einigermaßen entspannt, denn bisher haben wir uns in beiden Bereichen gut geschlagen. Im ersten Quartal 2007 haben wir trotz des Trubels um die gestohlenen Kundendaten einen Kapitalzufluss von einer Milliarde Schweizer Franken (631 Mio. Euro) erzielen können. Und auch unser Ergebnis sieht sehr gut aus. Das zeigt: Wir meistern die Finanzkrise ordentlich.

-Haben viele Ihrer 2500 deutschen Bank-Kunden ihr Kapital abgezogen, als der Datenklau publik wurde?

Nein. Zwischen Januar und März ist in Deutschland sogar etwas mehr Geld zu- als abgeflossen. Das hat uns selbst ein wenig überrascht.

-Kein Anleger hat sein Depot bei Ihnen gekündigt?

Es gab Kündigungen. Unterm Strich haben sich die Kunden der LGT Bank in Deutschland aber sehr loyal verhalten. Unseren Mitarbeitern ist es gelungen, zu vermitteln, dass der Datendiebstahl nur Kunden der LGT Treuhand in Vaduz betrifft, deren Geschäftsbeziehungen vor 2002 bestanden.

-Laut der Staatsanwaltschaft laufen 130 Verfahren gegen deutsche Treuhand-Kunden. Hunderte Fälle solen noch folgen. Haben Sie die Affäre tatsächlich schon ausgestanden?

Die Verfahren werden sich teilweise über Jahre hinziehen. Wir sind aber froh, dass sich der Mediensturm weitgehend verzogen hat. Der hatte ein unglaubliches Kommunikationsbedürfnis von Kunden und der Öffentlichkeit ausgelöst. Mittlerweile haben die Nachfragen aber stark nachgelassen. Jetzt sind wir in einer Phase, in der wir die teils einseitige und falsche Darstellung der Vorgänge korrigieren wollen, um den Imageschaden zu reparieren.

-Sind alle deutschen LGT-Kunden Steuersünder?

Natürlich nicht. Die sieben deutschen Niederlassungen der LGT Bank sind hier reguliert. Damit gilt nicht das Liechtensteiner Bankgeheimnis, sondern das deutsche Gesetz. Unsere Kunden sind damit ebenso gläsern wie alle anderen Bankkunden hier. Es gibt freilich einige, die einen höheren Schutz der Privatsphäre genießen wollen. Das ist in Deutschland auch nachvollziehbar. Und deswegen gibt es eine Reihe von Deutschen, die ihre Gelder in Liechtenstein oder der Schweiz anlegen. Sehr viele davon deklarieren ihre Steuern aber ganz korrekt.

-Sicherlich waren viele Kunden entsetzt, dass sensible Daten entwendet werden konnten. Was haben Sie getan, um Datendieben das Leben schwerer zu machen?

Der Diebstahl hat 2002 stattgefunden. Direkt danach haben wir die Sicherheitsvorkehrungen stark verbessert. Jetzt sind wir auf einem sehr, sehr hohen Level. Ein einfaches Beispiel: Unsere Computer haben keine Schnittstellen nach außen, es können keine Daten auf USB-Sticks gezogen werden, auch CD-Brenner gibt es nicht. Aber nicht nur bei der IT-Sicherheit, auch bei der Gebäudesicherheit oder der Auswahl von Mitarbeitern sind wir sehr penibel. Eine 100-prozentige Sicherheit kann es aber nicht geben.

-Steuerexperten sagen, der Fiskus werde durch Selbstanzeigen infolge der Steueraffäre eine Milliarde Euro mehr einnehmen. Verstehen Sie, dass das eine gute Nachricht für Deutschland ist?

Wir haben kein Interesse daran, dass Deutschland Steuergelder entgehen. Meiner Ansicht nach gibt es aber verschiedene Dinge, die für den deutschen Staat im Zuge der Steueraffäre zu betrachten sind. Eine Sache sind Steuermehreinnahmen. Eine andere ist beispielsweise der Weggang von Leistungsträgern in Nachbarstaaten. Jährlich wandern rund 200 000 Deutsche aus, das sind Leute, die in Deutschland keine Steuern mehr zahlen.

-Die Deutschen sollten lieber ihr Steuersystem leistungsfreundlicher gestalten anstatt Fahndungserfolge zu feiern?

Es steht mir nicht zu, das deutsche Steuersystem zu beurteilen. Fest steht aber, dass es viel Kritik gibt. Es ist komplex wie kein anderes und ändert sich laufend. Ökonomisch ist das sicher nicht hilfreich.

-Der BND hat Ihrem Ex-Mitarbeiter Heinrich K. Millionen für die entwendeten Daten gezahlt. Ihr Bruder, Erbprinz Alois, sprach deswegen von einem "Angriff" auf Liechtenstein und schloss juristische Schritte nicht aus. Beschreiten Sie bereits den Rechtsweg?

Mein Bruder hat auf heftige Anschuldigungen reagiert und diese zurückgewiesen. Auch Liechtenstein darf sich nicht alles gefallen lassen. Aber wir sind an guten Beziehungen zu Deutschland interessiert und versuchen, diese auszubauen. Über die juristischen Optionen kann ich als Chef der LGT Group nichts sagen.

-Die deutsche Diplomatie unternimmt große Anstrengungen, um das Schweizer Bankgeheimnis zu lockern. Übersteht es die nächsten zehn Jahre?

Es überrascht nicht, dass Frankreich oder Deutschland, die kein Bankgeheimnis kennen, ihre Sicht der Dinge durchsetzen wollen. Ich glaube aber nicht, dass es gelingen wird. Der höhere Schutz der Privatsphäre ist legitim, er wird von Bürgern in vielen Ländern geschätzt und hat als Bürgerrecht eine lange Geschichte. In der Schweiz braucht es zudem eine demokratische Mehrheit, um das Bankgeheimnis aufzuheben. Ich glaube nicht, dass die zusammenkommen würde.

-Wann wird Liechtenstein deutschen Steuerfahndern Rechtshilfe gewähren?

Ein Betrugsabkommen ist auf gutem Wege. Wahrscheinlich wird es noch in diesem Jahr unterzeichnet. Und das ist auch gut so. Es wird die Amtshilfe im Fiskalbereich zwischen Liechtenstein und der EU und damit auch Deutschland regeln.

-Das heißt, wenn künftig ein deutscher Steuerfahnder anruft, liefern Sie die Informationen?

Das Betrugsabkommen regelt diese Fragestellung. Aber der Teufel steckt im Detail und die Anfrage muss berechtigt sein.

-Sie bauen nicht nur Ihr Geschäft in Europa, sondern auch in Asien aus. Kommen die Superreichen von morgen aus China und Indien?

Asien ist ein interessanter Markt. Jeder zehnte unserer Kunden ist bereits Asiate.

-Gerade in Schwellenländern lässt sich nicht immer nachvollziehen, auf welchem Weg die teils immensen Vermögen entstehen. Beispiel: Russlands Oligarchen. Prüfen Sie die Herkunft des Geldes?

Es gibt sehr strenge Vorschriften im Rahmen der Geldwäscherei-Richtlinien. Und auch darüber hinaus bemühen wir uns, verantwortungsbewusst zu arbeiten. Gerade in Osteuropa, wo die Historie bewegt ist, kommt man nicht drum herum, genau hinzuschauen.

-Im Zweifel weisen Sie Kunden zurück?

Wir weisen täglich Kunden ab, weil es oft nicht leicht ist, die Herkunft des Vermögens zu bewerten. In Russland etwa gibt es viele Grautöne. Im Zweifel sagen wir lieber nein.

Das Gespräch führten Georg Anastasiadis und Florian Ernst.

Auch interessant

Meistgelesene Artikel

Aldi klärt auf: Diesen Fehler an der Supermarkt-Kasse macht fast jeder
Jeder macht es, fast jeden Tag: einkaufen. Und trotzdem gibt es einige Stolpersteine, die uns dabei das Leben schwer machen. Hier erfahren Sie, wie Sie dabei maximal …
Aldi klärt auf: Diesen Fehler an der Supermarkt-Kasse macht fast jeder
VW darf weitere manipulierte US-Dieselwagen umrüsten
Der VW-Konzern darf in den USA über 38 000 Fahrzeuge umrüsten, die mit der Manipulationssoftware ausgestattet wurden. Das hat die US-Umweltbehörde entschieden. 
VW darf weitere manipulierte US-Dieselwagen umrüsten
Boeing zurrt Milliardenauftrag von Singapore Airlines fest
In einem Großauftrag hat die Fluggesellschaft Singapore Airlines 39 Flieger bei dem Flugzeugbauer Boeing bestellt. Bei der Vertragsunterzeichnung war auch US-Präsident …
Boeing zurrt Milliardenauftrag von Singapore Airlines fest
Bericht: Tesla will Fabrik in China bauen
New York (dpa) - Der E-Autobauer Tesla hat einem Zeitungsbericht zufolge die Weichen für ein Werk in China gestellt. Der Konzern habe sich mit der Stadtverwaltung von …
Bericht: Tesla will Fabrik in China bauen

Kommentare