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Großer Andrang beim Aktionärstreffen der Linde AG: Bei der Hauptversammlung im Internationalen Congress Center in München ging es am Mittwoch hoch her. Auf der Tagesordnung stand der umstrittene Zusammenschluss mit Praxair.

Linde

„Buhmann“ Reitzle verteidigt Fusionspläne

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Es rumort bei Linde. Streitthema ist die geplante Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair. Die Belegschaft rebelliert, die Aktionäre fühlen sich übergangen. Deutliche Worte bekommt vor allem Aufsichtsratschef Reitzle zu hören – und gibt Contra.

 Die Schlangen vor dem Internationalen Congress Center in München sind lang am Mittwochmorgen. Der Gasekonzern Linde hat zur Hauptversammlung geladen. Der Andrang ist ungewohnt groß. Es geht hoch her bei dem Konzern, bei dem Aktionärstreffen bisher harmonisch, fast schon familiär abliefen. Auf der Tagesordnung steht die umstrittene Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair, die Linde-Aufsichtsratschef Wolfgang Reitzle mit aller Macht vorantreibt. Gegenwind kommt bereits von der Belegschaft, die kürzlich am Linde-Hauptsitz in München gegen den Zusammenschluss demonstrierte. Nun muss sich Reitzle auch aus den Reihen von Aktionärsschützern und Investoren ungewohnt harsche Kritik gefallen lassen. Mehrere Bankenfonds verweigern ihm sogar die Entlastung.

„Der Konzern ist durch interne Machtkämpfe in ein beispielloses Führungschaos gestürzt worden, der Vorstand war zwischenzeitlich nicht mehr in der Lage gewesen, das Unternehmen adäquat zu führen“, findet Ingo Speich von Union Investment. Als der frühere Vorstandschef Reitzle vor einem Jahr als Aufsichtsratschef zu Linde zurückkehrte, sei der Konzern aus dem Tritt gekommen. „Seit Bekanntwerden der Fusionsgespräche geht es drunter und drüber.“

Zum Hintergrund: Nach Differenzen um die geplante Fusion wurde im vergangenen Jahr zunächst der langjährige Finanzvorstand Georg Denoke entlassen, tags darauf nahm Vorstandschef Wolfgang Büchele überraschend den Hut. Aldo Belloni, ehemaliger Linde-Finanzchef und damals bereits in Rente, wurde zurückgeholt und als Vorstandschef installiert. Mittlerweile sind die Fusionsgespräche fortgeschritten. Belloni will den Fusionsvertrag „in den nächsten Wochen abschließen“.

Kritik an Reitzle von mehreren Seiten

Daniela Bergdolt, Vizepräsidentin der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW), spart ebenfalls nicht mit Kritik an Reitzle. Sie wirft ihm vor, die Fusion „auf Gedeih und Verderb, auf Biegen und Brechen“ voranzutreiben und Praxair zu große Zugeständnisse zu machen. Fest steht bereits, dass Praxair-Chef Steve Angel den neuen Konzern unter dem Namen Linde aus den USA heraus führen soll, Reitzle soll Aufsichtsratschef werden, die Holding in Irland sitzen. Es erwecke den Anschein, dass es bei der geplanten Fusion gar nicht mehr um ein strategisches Ziel, sondern um „so manches Ego“ gehe, bemerkt Bergdolt mit Blick auf den Aufsichtsratschef.

Müssen sich viel Kritik anhören: Aufsichtsrat Wolfgang Reitzle (li.) und Vorstandschef Aldo Belloni.

Dabei unterstützt das Gros der Aktionäre die Fusion grundsätzlich. Die strategische Logik sei nachvollziehbar. „Es ist gut, wenn Linde bei der Konzentration auf dem Gasemarkt eine aktive Rolle übernimmt und nicht irgendwann übernommen wird“, findet Bergdolt. Sie störe nicht die Fusion an sich, sondern das „wie“. Zum einen wäre da der Umstand, dass (anders als die Praxair-Aktionäre) bei Linde die Anteilseigner nicht über die Fusion abstimmen dürfen. Die DSW hatte einen entsprechenden Antrag gestellt, der abgelehnt wurde. Vorstandschef Belloni begründet die Entscheidung damit, dass Linde-Aktionäre selbst entscheiden könnten, ob sie ihre Aktien in Anteilsscheine der neuen Holding umwandeln oder nicht. „Dazu wird kein Aktionär gezwungen“, so Belloni. Die DSW behalte sich dennoch eine Klage vor, so Bergdolt. Ein weiterer Punkt, der den Anteilseignern übel aufstößt, ist die geplante Gewichtung in der neu zu gründenden Holding. Bei der „Fusion unter Gleichen“ sollen Linde- und Praxair-Aktien im Verhältnis 50 zu 50 in Anteilsscheine der Holding umgewandelt werden. „Wir verkaufen uns hier unter Wert“, findet Bergdolt.

Zu den Vorwürfen gegen seine Person entgegnet Reitzle, er habe sich an die „Buhmann-Rolle“ mittlerweile gewöhnt. Die Fusion mit Praxair verteidigt er weiterhin leidenschaftlich. „Wir machen aus zwei guten Unternehmen ein Weltklasse-Unternehmen“, betont Reitzle. Wenn nötig, werde er die Fusion mit seiner Doppelstimme als Aufsichtsratschef durchsetzen. Mit Blick auf Mitarbeiter, Umsatz und Aktionäre sei Linde heute nur noch zu zehn Prozent ein deutsches Unternehmen, zu 90 Prozent global erfolgreich. „Seien Sie doch stolz darauf“, ruft Reitzle den 2500 Aktionären zu und bekommt Beifall.

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