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Wolfgang Reitzle war für Linde ein „wahrer Glücksfall“, findet Aufsichtsratschef Manfred Schneider. Gestern verabschiedete sich der Manager nach elf Jahren im Chefsessel.

Linde-Chef geht

Zum Abschied: Jubelstürme für Reitzle

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München - Beim Münchner Dax-Konzern Linde endet eine Ära. Die Ära Wolfgang Reitzle. Der Manager hat Linde in den vergangenen elf Jahren auf Erfolgskurs gebracht. Am Dienstag hat er die Kommandobrücke verlassen, altersbedingt.

Am Ende hat er doch Tränen in den Augen. Der sonst eher distanziert auftretende Manager Wolfgang Reitzle, 65. Nach elf Jahren an der Spitze des Münchner Dax-Konzerns Linde hatte er am Dienstag seinen letzten Arbeitstag. Zum Abschied gibt es viel Lob und die Aussicht auf eine Rückkehr des Managers – in anderer Funktion.

Grauer Anzug, lachsfarbene Krawatte, die Haare streng nach hinten gekämmt. Der schmale Oberlippenbart ist sein Markenzeichen. Zum letzten Mal sitzt Reitzle als Linde-Chef vor den Aktionären und berichtet über Geschäftslage und -ausblick. Wie gewohnt präsentiert er Rekorde. Umsatz- und Ergebnisplus, eine Rekorddividende. Diesmal blickt er aber nicht nur auf das vergangenen Jahr zurück, sondern auch die letzten elf Jahre. „Mein Ziel war es, den Staffelstab so zu über geben, dass mein Nachfolger ein Unternehmen vorfindet, das besser gerüstet ist, als Linde es damals war“, sagt Reitzle zum Abschied. Er lächelt, wirkt gelöst, etwas wehmütig.

Sein Ziel hat er erreicht. Das steht außer Frage. Als Reitzle 2003 den Vorstandsvorsitz übernahm, war Linde vier Milliarden Euro wert. Heute liegt die Marktkapitalisierung bei 28 Milliarden Euro. Der Umsatz hat sich verdoppelt, der Gewinn versechsfacht. Mittlerweile hat Linde 63 500 Mitarbeiter und ist in 100 Ländern vertreten.

Eine Erfolgsgeschichte, die ohne Reitzle so wohl nicht stattgefunden hätte. Obwohl es viele Kritiker gab. „Da prallen Welten aufeinander“, hieß es, als der Ingenieur nach 26 Jahren in der Automobilindustrie zu Linde kam. Nach seinem Studium an der TU München, war Reitzle bis 1999 bei BMW. Als der Wechsel in die Chefetage misslang, kündigte er und ging zu Ford. „Lange wird er nicht bleiben“, hieß es nach dem überraschenden Wechsel zu Linde im Mai 2002. Doch Reitzle arbeitete sich schnell ein, rückte bereits 2003 an die Spitze. „Er entwickelte eine Vision für Linde“, sagt Aufsichtsratschef Manfred Schneider rückblickend. Und er baute das Unternehmen komplett um. Zunächst spaltete Reitzle das Geschäft mit Gabelstaplern und Kühltechnik ab, konzentrierte sich ganz auf das Gasegeschäft. 2006 folgte die Übernahme des englischen Wettbewerber BOC. 2007 verlegte Reitzle die Firmenzentrale von Wiesbaden nach München – ohne Kündigungswelle. Sein letzter großer Coup: Der Einstieg in den Gesundheitsmarkt 2012 mit der Übernahme des US-Unternehmens Lincare, einem Spezialisten für medizinische Gase. Soweit sich das Geschäft bisher beurteilen lässt, hatte Reitzle den richtigen Riecher. Die Zahl der Patienten steigt – und damit die Umsätze.

Reitzle hinterlässt seinem Nachfolger Wolfgang Büchele ein bestelltes Haus. „Machen Sie etwas daraus“, fordert Daniela Bergdolt von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz. Doch der Neue spielt heute nur eine Nebenrolle, Wolfgang Reitzle ist die Hauptperson. Die Aktionäre lassen ihn ungern gehen. „Herr Reitzle hat aus einem Gemischtwarenladen ein klar strukturiertes Unternehmen gemacht“, lobt Bergdolt. „Ohne Sie wäre Linde nicht das Vorzeigeunternehmen, das es heute ist“, sagt Daniel Bauer von der Schutzgemeinschaft der Kapitalanleger. Hans-Martin Buhlmann von der Vereinigung institutioneller Privatanleger hält einen Zettel hoch. Die Entwicklung des Aktienkurses seit 2003. Die Kurve zeigt steil nach oben. Da braucht es nicht mehr viele Worte. Nur soviel: „Ich hoffe, wir sehen uns hier in zwei Jahren wieder.“

Lange wurde gemutmaßt, ob Reitzle vom Vorstand direkt in den Aufsichtsrat wechselt. Am Ende das Dementi. Nun hoffen die Aktionärsvertreter, dass er nach einer Abkühlphase, die in der Regel zwei Jahre dauert, zurückkehrt. Auch wenn der Aufsichtsrat bis 2018 gewählt ist, wird sich da sicher ein Platz finden, hoffen viele. Reitzle selbst schließt ein Comeback bei Linde zumindest nicht aus.

Bis dahin wird der Manager, der mit Moderatorin Nina Ruge verheiratet ist, nicht untätig sein. Reitzle hat bereits fleißig Aufsichtsratsposten gesammelt. Chefkontrolleur bei Continental, ein Aufsichtsratsposten bei Springer, demnächst Aufsichtsratsvorsitzender bei der Medical Park AG – und bald soll er als Verwaltungsratschef die Geschicke des weltgrößten Zementherstellers Holcim-Lafarge lenken. Autos, Gase und jetzt Zement also. Reitzle ist in vielen Branchen zu Hause.

Manuela Dollinger

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