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Aldo Belloni am Donnerstag in München

Arbeitnehmer kämpferisch

Linde: Der Kampf um die Mega-Fusion

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München - Linde verhandelt über eine Fusion mit dem US-Konzern Praxair. Gegenwind gibt es von den Arbeitnehmern: Gestritten wird um Mitbestimmung, Stellen und den Standort München.

Das hätte sich Aldo Belloni wohl nicht träumen lassen, als er sich Ende 2014 nach 35 Jahren bei Linde in den Ruhestand verabschiedete. Nachdem der Italiener zuletzt für den Anlagenbau im Vorstand des Gase-Konzerns zuständig gewesen war, kehrte er im Dezember 2016 als Vorstandschef nach München zurück. Am Donnerstag stellte er vor Journalisten in München die Zahlen für das abgelaufene Geschäftsjahr vor. Es dürfte eine der letzten Linde-Bilanzvorlagen am Firmensitz in München gewesen sein.

Der Dax-Konzern arbeitet nämlich gerade an einer Fusion mit dem US-Konkurrenten Praxair. Nachdem ein erster Anlauf zum Zusammenschluss im vergangenen Herbst gescheitert war, nahm Vorstandschef Wolfgang Büchele seinen Hut. Der Aufsichtsrat, dem der ehemalige Linde-Chef Wolfgang Reitzle vorsteht, holte mit Belloni einen alten Vertrauten zurück ins Boot, um einen zweiten Versuch zu wagen. Noch vor der Linde-Hauptversammlung Anfang Mai soll der Fusionsvertrag unterzeichnet sein, betont Belloni. 

Allerdings ist es bis dahin noch ein weiter Weg. Sechs Arbeitsgruppen arbeiten derzeit an verschiedenen Fragen, die mit der Fusion zu klären sind: Unter anderem müssen sowohl Linde als auch Praxair wohl Geschäft (vor allem in Nordamerika) abgeben, um dem Kartellrecht Genüge zu tun. Ausgemacht ist bereits, dass Praxair-Chef Steve Angel den fusionierten Konzern, der Linde heißen soll, leiten wird. Aufsichtsratschef soll Linde-Chefkontrolleur Wolfgang Reitzle (67) werden. Gelistet werden soll das fusionierte Unternehmen in New York und Frankfurt.

Der neue Sitz der Holding: Definitiv nicht in München

Die Frage des künftigen Sitzes der neuen Holding ist dagegen noch abschließend zu klären. Er soll zwar in Europa, allerdings definitiv nicht in München liegen. Im Rennen sind laut Belloni derzeit Amsterdam, Dublin und London. Davon, wo sich am meisten Steuern sparen lassen, hänge die Wahl nicht vorrangig ab, beteuert Belloni. Dass etwa in Irland lediglich zwölf Prozent Unternehmenssteuer – im Unterschied zu 30 Prozent in Deutschland – anfallen, dürfte aber zumindest ein willkommener Nebeneffekt sein. 

Zu berücksichtigen bleibt aber, dass bei Linde Steuern vor allem dort bezahlt werden müssen, wo das operative Geschäft sitzt. Und zentrale Funktionen sollen künftig nicht am Sitz der Holding gebündelt werden, sondern auf München und Danbury, Connecticut, dem Sitz von Prax-air, aufgeteilt werden. „Die Funktionsaufteilung ist noch nicht fix, wird aber ausgewogen sein“, verspricht Belloni.

Bedenken auf Arbeitnehmerseite

Da gibt es auf Arbeitnehmerseite allerdings Bedenken. Deutsche Standorte könnten an Bedeutung verlieren und wenig Mitspracherechte bekommen, was die Zukunft der Firma angeht, so die Befürchtung. Auch wenn sich Belloni gestern optimistisch zeigte, die Arbeitnehmer noch von „den positiven Effekten der Fusion“ zu überzeugen, dürfte das noch ein hartes Stück Arbeit sein. Gegen den Willen der Arbeitnehmer will er die Fusion nämlich nicht durchsetzen. Obgleich das möglich wäre: Wenn die Arbeitnehmervertreter im Aufsichtsrat gegen den Zusammenschluss stimmen, könnte Aufsichtsratschef Reitzle sein Doppelstimmrecht nutzen, um die Fusion durchzudrücken. Die Ermittlungen der deutschen Finanzmarktaufsicht (Bafin) gegen Reitzle wegen Verdachts von Insidergeschäften, die kürzlich bekannt wurden, würden die Fusionsverhandlungen übrigens nicht belasten, merkte Belloni an. Das sei Reitzles Privatsache.

Fest steht bereits: Kommt es zur Fusion, sind betriebsbedingte Kündigungen an deutschen Standorten bis Ende 2021 ausgeschlossen. Das hatten Arbeitnehmervertreter der Gewerkschaften IG Metall und IG BCE bereits zum Jahreswechsel ausgehandelt und per Betriebsvereinbarung festgezurrt. Auch das Sparprogramm „Lift“, das bei Linde im vergangenen Jahr angelaufen ist, wurde mit dem Beschäftigungspakt abgemildert. Dazu wie viele Stellen konkret wegfallen, wollte Linde bisher nichts sagen. 

Stellenstreichungen in Deutschland

Gestern ließ Belloni die Katze aus dem Sack: 975 Stellen sollen insgesamt (bis 2019) in Deutschland gestrichen werden – „sozialverträglich“, wie er betont. Ein Großteil der Stellen dürfte allerdings in Bayern wegfallen. Hier arbeiten etwa 5.700 der rund 8.000 Beschäftigten in Deutschland. Mit 3.300 Mitarbeitern ist Pullach-Höllriegelskreuth im Landkreis München der größte Linde-Standort weltweit. „Da wir im Raum München eine erhebliche Anzahl an Arbeitsplätzen haben, werden wir hier auch abbauen“, so Belloni.

Mit der Fusion würde ein neuer Weltmarktführer im Gasegeschäft entstehen – mit 90.000 Mitarbeitern und 28 Milliarden Euro Umsatz (2016: 17 Milliarden Linde/10,5 Praxair). Linde wurde zuletzt profitabler. Zwar belastete 2016 der niedrige Öl- und Gaspreis den Anlagenbau. Der Umsatz sank, aber dank des Sparprogramms stieg der Gewinn um sieben Prozent auf 1,3 Milliarden Euro. Für 2017 peilen die Münchner drei Prozent mehr Umsatz und ein Ergebnis auf Vorjahresniveau an.

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