Recep Tayyip Erdogan, Präsident der Türkei, betritt eine Bühne und geht zum Rednerpult
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Recep Tayyip Erdogan beeinfluss die türkische Finanzstrategie maßgeblich. (Symbolbild)

Finanz-Chaos in Ankara

„Lira-Blutbad“: Finanzexperte attestiert Erdogan krudes Wirtschaftsdenken

  • Jonas Raab
    vonJonas Raab
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Nach Erdogans „Lira-Blutbad“ sei in der Türkei keine Besserung in Sicht, denn der türkische Präsident habe keine Ahnung von ökonomischen Zusammenhängen, erklärt ein Finanzexperte.

Ankara - Nach nur fünf Monaten hat der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan seinen Trumpf im Spiel um die als wankelmütig geltende Geldpolitik der Türkei schon wieder aus der Hand gegeben: Inmitten der beschleunigten Lira-Talfahrt entließ er am vergangenen Wochenende seinen Zentralbank-Chef und Lira-Hoffnungsträger Murat Uysal.

Experten sprachen von einem „Blutbad für die türkische Lira“. Die Entlassung sorgte für ein neues Rekordtief der Lira im Handel mit dem US-Dollar. Ein Experte verortet nun die Ursachen für die türkische Währungskrise in verdrehten Ansichten, die das autoritär regierende AKP-Staatsoberhaupt der Türkei vertrete.

Als die Lira gegenüber dem US-Dollar vergangene Woche zeitweise um 15 Prozent absackte, nahm Erdogan seine Landsleute mit einem ungewöhnlichen Vorschlag in die Pflicht: Die Türken sollten ihre Devisen- und Goldbestände investieren, um die Wirtschaft anzukurbeln, forderte er und ernannte den ehemaligen AKP-Abgeordneten Sahap Kavcioglu zum neuen Zentralbankchef - es ist bereits der vierte Notenbank-Präsident innerhalb von zwei Jahren.

 „Lira-Blutbad“ in der Türkei: Erdogans „falsche Vorstellungen“: Niedrigzinsen um jeden Preis

Einen Weg aus der Krise in der Türkei wird auch Kavcioglu schwer finden, „weil die Politik das nicht zulässt“, befürchtet Ulrich Leuchtmann. Er ist Währungsexperte bei der Commerzbank und macht Erdogans seltsame Wirtschaftstheorien dafür verantwortlich. Erdogan wolle mit niedrigen Zinsen die Inflation bekämpfen und die Lira stabilisieren, erklärt er in einem Interview im Spiegel. „Er hat da tatsächlich eine falsche Vorstellung der ökonomischen Zusammenhänge. Er scheint fest überzeugt, dass Zinssenkungen auch die Inflation drücken. Aber: Das ist falsch“, sagt Leuchtmann.

Erdogans ganz eigene Vorstellung von Geldpolitik erklärt Leuchtmann im Spiegel so: Der türkische Präsident habe sich einfach angeschaut, welche Länder niedrige Zinsen und welche Länder hohe Zinsen haben, welche Länder eine niedrige Inflation und welche hohe Inflation haben. „Das Problem dabei ist, das man dabei natürlich leicht Ursache und Wirkung vertauschen kann“, sagt Leuchtmann.

Erdogans „Lira-Blutbad“ in der Türkei: „Risiko nicht mehr exakt zu bestimmen“

Solange Erdogan weiter an diesem Kurs der Niedrigzinsen, die für die heimische Wirtschaft zunehmend zur Belastung wird, festhalte, werde sich in der Türkei wenig ändern, ist sich Leuchtmann sicher. Weder der neue Notenbank-Präsident Sahap Kavcioglu noch ein anderer, konservativerer Zentralbanker könne die Krise in den Griff bekommen, solange AKP-Staatsoberhaupt Erdogan regiert. Leuchtmann prognostiziert bis Jahresende ist einen Dollarkurs von zehn Lira. „Aber im Grunde ist das Lira-Risiko nicht mehr exakt zu bestimmen. Dieses Risiko bleibt bestehen, solange nicht ein Regimewechsel eintritt.“

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