Geht mit der Corona-Politik von Bund und Ländern hart ins Gericht: ifo-Chef Prof. Clemens Fuest
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Geht mit der Corona-Politik von Bund und Ländern hart ins Gericht: ifo-Chef Prof. Clemens Fuest

Aus Sorge vor „Kontrollverlust“

Scharfe Kritik: ifo-Chef fordert harten Lockdown zu Ostern – Politik hat Lösung „verschlafen“

  • Thomas Schmidtutz
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Der Chef des ifo Instituts, Prof. Clemens Fuest, hat eine verbindliche Corona-Testpflicht für Unternehmen gefordert. Zur Finanzierung könne man einen Zuschuss einführen, sagte Fuest gegenüber Merkur.de.

München – Der Chef des Münchner ifo Instituts, Prof. Clemens Fuest, hat sich für einen harten Lockdown zu Ostern ausgesprochen. „Die Politik hat uns leider in eine Lage manövriert“, in der ein harter Lockdown über die Osterferien nötig sei, sagte Fuest am Montag in einem Interview mit Merkur.de.

Zugleich ging Fuest mit der Corona-Politik von Bund und Ländern hart ins Gericht. Die Politik habe „es trotz massiver Appelle aus der Wissenschaft verschlafen, im Januar und Februar effektive Test- und Nachverfolgungsstrategien“ umzusetzen und im März trotz steigender Infektionszahlen „und ohne hinreichenden Schutz durch Tests“ Öffnungen beschlossen. Nun bleibe nichts anderes übrig, als mit harten Maßnahmen dagegen zu halten.

Erst am Wochenende hatte auch der Präsident des Arbeitgeberverbands Gesamtmetall, Stefan Wolf, einen harten Lockdown gefordert. „Es wäre mir lieber, wenn wir noch mal zehn Tage bundesweit in einen harten Lockdown gehen und danach überall öffnen können, anstatt über Monate keine klaren Strukturen zu haben“, sagte Wolf der Bild am Sonntag.

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ifo-Präsident: Schließung von Industrieunternehmen für Arbeitsplätze und Staatsfinanzen gefährlich

Ähnlich äußerte sich auch Fuest. Ein kurzer Lockdown, verbunden mit einer Ausweitung von Tests und Impfungen sei „wirtschaftlich besser als der aktuelle Zustand des Kontrollverlusts“. Entscheidend sei, dass die Infektionen nicht so weit anstiegen, dass auch Industrieunternehmen mit hoher Wertschöpfung und niedrigen Infektionsrisiken geschlossen werden müssten. „Das wäre für Arbeitsplätze und Staatsfinanzen gefährlich.“

ifo-Chef fordert klare Führungsrolle des Bundes in der Pandemie

Angesichts des anhaltenden Streits zwischen Bund und Ländern um die Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen plädierte Fuest zudem für eine stärkere Führungsrolle des Bundes. Es spreche viel dafür, „die Verantwortung für das Pandemie-Management ganz auf die Bundesebene zu verlagern“. Zwar sei auch denkbar, dass jedes Bundesland im Kampf gegen die Pandemie seine eigene Strategie entwickele und man von den besten Lösungen lernen könne. Doch mache das Virus nicht an den Bundesländergrenzen halt.

Mit Blick auf eine mögliche Testpflicht für Unternehmen sprach sich Fuest für eine verbindliche Vorgabe aus. Am Arbeitsplatz komme es zu vielen Kontakten. Daher halte er eine verpflichtende Testung „für richtig“, sagte der ifo-Chef.

Corona-Tests am Arbeitsplatz: Viele Unternehmen zögern

Erst vor gut vier Wochen hatte sich die Wirtschaft auf Druck der Politik verpflichtet, Mitarbeiter, die nicht im Homeoffice sind, mindestens zwei Mal pro Woche zu testen. Große Konzerne wie BMW oder VW kommen dieser Selbstverpflichtung inzwischen nach. Doch bei vielen kleineren Unternehmen sind die Vorbehalte wegen der Kosten weiterhin groß. Daher erhöht die Bundesregierung nun den Druck.

Sollte die ganz überwiegende Mehrheit der Unternehmen die Selbstverpflichtung nicht umsetzen, werde man die Testpflicht verbindlich vorgeben, machte Bundeskanzlerin Angela Merkel am Sonntagabend in der TV-Sendung Anne Will deutlich.

ifo-Chef: Zuschüsse für Corona-Tests in Unternehmen

Fuest sagte, die Finanzierung der entsprechenden Tests sei „eine politische Frage“. Als möglichen Kompromiss brachte der Wirtschaftswissenschaftler einen „pauschalisierten Zuschuss pro Beschäftigten“ ins Gespräch. Damit würden sich Unternehmen und Steuerzahler die Kosten teilen.

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