Lockruf aus dem Steuerparadies: Sandoz zieht nach Holzkirchen

- München/Holzkirchen - Der weltgrößte Hersteller von patentfreien Medikamenten, Sandoz, zieht mit seiner kompletten Firmenzentrale nach Holzkirchen bei München. Die Gemeinde setzte sich im Standortpoker gegen Wien und Basel durch. Ausschlaggebend war unter anderem eine drastische Senkung des Gewerbesteuersatzes. Neue Arbeitsplätze springen jedoch kaum heraus.

<P>"Für Bayern ist heute ein äußerst erfreulicher Tag", jubelte Edmund Stoiber gestern in München. Der Ministerpräsident hatte am Vormittag extra eine Pressekonferenz angesetzt, um die Öffentlichkeit von der Standortentscheidung zu unterrichten, die bereits am Montagabend gefallen war. Sie habe Signalwirkung und sei bemerkenswert, so Stoiber, weil sie gegen den Trend der Firmenverlagerungen erfolge. Wirtschaftsminister Otto Wiesheu sagte: "Die Entscheidung zeigt, dass Bayern hinsichtlich der Rahmenbedingungen mit Österreich, der Schweiz und anderen Ländern konkurrenzfähig ist."<BR><BR>Die Frage nach einer neuen Firmenzentrale für Sandoz, einem Tochterunternehmen des Schweizer Pharmariesen Novartis, hatte sich seit dem 21. Februar gestellt. Damals hatte Novartis mitgeteilt, die Generika-Produzenten Hexal in Holzkirchen und Eon Labs aus den USA zu übernehmen und mit Sandoz zu verschmelzen. Das Ergebnis: der Weltmarktführer für Nachahmer-Medikamente mit 20 000 Mitarbeitern und einem Gesamtumsatz von fünf Milliarden Euro im Jahr 2004. Aber wo sollte Sandoz künftig firmieren? Nordamerika kam wegen der großen Entfernung zu den europäischen Niederlassungen nicht in Frage. Als Kandidaten blieben der bisherige Sandoz-Hauptsitz Wien, das Novartis-Hauptquartier Basel - und Holzkirchen.<BR><BR>Zwei Monate lang sondierte Novartis die Standorte. Letztlich setzte sich der Großraum München "in einem harten, aber fairen Wettbewerb" durch, wie Edmund Stoiber sagte. Der Umzug soll in der zweiten Jahreshälfte stattfinden, wenn die Wettbewerbsbehörden der Übernahme zugestimmt haben. Dies gilt als wahrscheinlich.<BR><BR>Möglicher Stellenabbau: Noch keine Entwarnung<BR><BR>"In der Region werden bestehende Arbeitsplätze gesichert und neue geschaffen", versprach Sandoz-Vorstand Andreas Rummelt. Im künftigen Sandoz-Hauptquartier in Holzkirchen wird es nach seinen Angaben 150 Stellen geben. Um die konkurrieren jedoch 100 Mitarbeiter, die bislang im Hexal-Management arbeiteten, und 115 von Sandoz, die im alten Wiener-Hauptquartier angestellt sind. "Wir werden die Positionen mit den besten Talenten besetzen", sagte ein Sprecher. Er bestätigte zudem, dass bei Sandoz im Zuge der Übernahmen weitere Stellen in der Entwicklung und Produktion wegfallen werden. Es stehe aber noch nicht fest, wie viele und wo.<BR><BR>In Basel und Wien sorgte die Holzkirchen-Entscheidung für lange Gesichter. Die Beschäftigten seien enttäuscht, hieß es. Novartis-Vorstand Daniel Vasella sagte: "Es ist klar, dass wir nicht leichtfertig aus Wien weggegangen sind." Für Holzkirchen habe aber gesprochen, dass Deutschland nach den USA der zweitgrößte Generika-Markt sei. Andreas Rummelt verwies zudem darauf, dass das künftige Hauptquartier näher an den dortigen "operativen Einheiten" Entwicklung und Produktion sein werde. Außerdem lobte er die hoch qualifizierten Mitarbeiter im Großraum München, die Infrastruktur und die attraktiven Lebensbedingungen.<BR><BR>Ein gewichtiges Argument dürften aber auch steuerliche Aspekte gespielt haben. Der Holzkirchner Bürgermeister Josef Höß sagte, dass der Gemeinderat eine Absenkung der Gewerbesteuer um 30 Prozent ab 2006 beschlossen habe. "Das ist für uns eine bittere, große Pille", sagte er, da mit Millionenverlusten zu rechnen sei. Längerfristig hofft Höß jedoch, dass die Ausfälle durch sprudelnde Gewinne bei Sandoz ausgeglichen werden. Zudem setzt er darauf, dass der attraktive Steuersatz weitere Investoren anlockt. "Wir sind jetzt das Steuerparadies Holzkirchen, das Monaco von Oberbayern."</P>

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