Lohnerhöhung für Siemens-Chefs bringt Spitzenpolitiker auf

- München - Der Elektrokonzern Siemens steht wegen des geplanten Gehaltsschubs für seine Vorstände massiv in der Kritik. Nach Gewerkschaftern reagierten nun auch Spitzenpolitiker verschiedener Parteien und Siemens-Beschäftigte mit Unverständnis auf die Entscheidung und warfen dem Unternehmen "Instinktlosigkeit" vor.

Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) nannte die Gehaltserhöhungen um durchschnittlich 30 Prozent (wir berichteten) "schlicht obszön und auf skandalöse Weise unanständig". Wenn die Bezüge trotz Misserfolgen und Entlassungen erhöht würden, müsse dies die Menschen massenhaft aufregen, sagte er dem "Tagesspiegel".

Siemens selbst verteidigte die Anhebung der Vorstandsbezüge. "Fakt ist: Bei Siemens hat es seit drei Jahren keine Anpassungen gegeben", sagte ein Sprecher. Überprüfungen hätten ergeben, dass die Vorstandsbezüge im Vergleich mit anderen Dax-Unternehmen an unterer Stelle rangierten. Mit den Erhöhungen habe man sich an diesen Unternehmen orientiert und sich "nicht an die Spitze katapultiert", sagte der Sprecher. Zudem seien vor den entsprechenden Entscheidungen Gutachten hinzugezogen worden. Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber (CSU) bezeichnete die Pläne als "außerordentlich bedauerlich".

Die deutsche Wirtschaft sei in einem Umstrukturierungsprozess. "Von den Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmern muss das so verstanden werden, dass man die Situation bei ihnen ablädt und beim Vorstand einen anderen Maßstab anlegt." Auch Stoibers Amtskollege, der saarländische Ministerpräsident Peter Müller (CDU), äußerte sein Unverständnis: "Ich kann nicht nachvollziehen, wenn einerseits Arbeitnehmern immer wieder Opfer abverlangt, mit Massenentlassun-gen gedroht oder diese sogar durchgeführt werden, andererseits gleichzeitig Vorstandsgehälter um zweistellige Prozentsätze angehoben werden.

Ich halte dies für verwerflich und geschmacklos." Heftige Kritik kam auch von der SPD: So sagte SPDFraktionschef Peter Struck laut "Bild": "Es ist instinktlos, wenn die Gehälter des Siemens-Vorstandes um 30 Prozent angehoben werden. Und das in Zeiten, da es vielen Menschen darum geht, das Überleben mit einem Mindestlohn zu sichern." Mit Verärgerung reagierten nach Berichten des Betriebsrats auch Beschäftigte am Siemens-Standort Erlangen auf die vorgesehenen Gehaltserhöhungen für das Top-Management. Es sei für die Mitarbeiter nicht erkennbar, welche Leistungen diese Einkommenserhöhungen rechtfertigten, schrieb Siemens-Betriebsratsvorsitzender Klaus Hannemann in einem bereits am Vortag veröffentlichten offenen Brief an Siemens-Vorstand und -Aufsichtsrat.

Ähnlich argumentierte der Betriebswirtschaftler Manuel René Theisen von der Münchner Ludwig-Maximilians- Universität. Weder die Kurs- noch die Ergebnisentwicklung des Konzerns mache die Gehaltserhöhungen auf den ersten Blick nachvollziehbar. "Was mich schon irritiert, ist der Mangel an Gespür in der Außenwirkung im Zusammenhang mit Arbeitsplatzabbau."

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