Lohnkosten: In keinem Land steigen sie so langsam wie bei uns

- Wiesbaden -­ Ein letzter Platz ist üblicherweise kein Grund zum Jubeln. Doch dieser ist für den Standort Deutschland aus Unternehmersicht eine gute Nachricht: Bei der Steigerung der Arbeitskosten liegt Deutschland weit hinter dem europäischen Durchschnitt an allerletzter Stelle. Unerfreulich ist das nur für Unternehmen, die in den vermeintlich billigen Osten abgewandert sind: Dort wird die Arbeit mit zum Teil zweistelligen jährlichen Zuwächsen immer teurer.

Aller Kritik der Arbeitgeber an Personalkosten in Deutschland zum Trotz ist in keinem Land der EU die Kostenbelastung für eine geleistete Arbeitsstunde in den letzten Jahren geringer gestiegen als hierzulande. Das ist das Ergebnis einer Untersuchung des Statistischen Bundesamtes. Demnach stiegen die Kosten pro Arbeitsstunde von Anfang 2000 bis zum zweiten Quartal 2006 in Deutschland gerade um 9,8 Prozent, der EU-Durchschnitt lag bei 22,3 Prozent. Bemerkenswert:

Für immer mehr reicht ein einziger Job nicht aus

Nicht nur die Bruttolöhne und -gehälter, sondern auch die Lohnnebenkosten trugen zu der Entwicklung bei. Während die Löhne in der EU um 22,3 Prozent stiegen, legten sie in Deutschland nur um 11,7 Prozent zu. Noch größer war der Unterschied bei der Entwicklung der in Deutschland als überhöht kritisierten Lohnnebenkosten, die sich in Deutschland nur um 3,5 Prozent erhöhten. In der EU lag der Zuwachs dagegen bei 23,3 Prozent. Auch im zweiten und dritten Quartal 2006 setzte sich diese Entwicklung fort. Im zweiten Quartal, für das bereits Vergleichszahlen aus fast allen EU-Mitgliedstaaten vorliegen, war der Anstieg der Arbeitskosten in Deutschland und Malta mit 0,7 Prozent am geringsten. Im EU-Schnitt wurde ein Plus von 2,4 Prozent verzeichnet.

Die neuen Zahlen aus Wiesbaden dürften den jüngsten Forderungen von Gewerkschaftern und Politikern nach kräftigen Lohn- und Gehaltserhöhungen angesichts der guten Konjunkturentwicklung in Deutschland weiter Auftrieb geben. Vor rund einer Woche hatte das Statistische Bundesamt mitgeteilt, dass das durchschnittliche Nettoeinkommen pro Haushalt in Deutschland gegenüber 1991 nach Abzug der Preissteigerungen für die Lebenshaltung gesunken ist.

Ein Nebeneffekt der Entwicklung sollte Sorgen machen: Immer mehr Menschen arbeiten in mehreren Jobs. Zwischen 2002 und 2004 stieg die Zahl der Mehrfachbeschäftigten von 900 000 auf 1,5 Millionen, wie das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) mitteilte. In strukturschwachen Gegenden kombinierten Menschen oft mehrere Mini-Jobs. Dies sei aus der Not geboren, wenn ein Arbeitsverhältnis allein zum Lebensunterhalt nicht reiche, hieß es. In Regionen mit günstiger Arbeitsmarktlage wie Südbayern gingen sozialversicherungspflichtig Beschäftigte zusätzlich oft nur einem Nebenjob nach. Nicht alle, so die Folgerung, arbeiten mehrfach, weil sie mit dem Hauptjob nicht über die Runden kommen. Bei den Mehrfachbeschäftigten sind Frauen mit 830 000 deutlich stärker vertreten als Männer (630 000). Frauen kombinieren oft mehrere Mini-Jobs, während Männer eher ihr Haupteinkommen aufbessern.

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