Lokführer entscheiden über "Option Streik" - Tarifeinigung ungewiss

Berlin/Frankfurt - Gewiss ist im quälenden Tarifstreit bei der Bahn nur das Ungewisse. Noch zu Wochenanfang schien eine baldige Einigung mit der Lokführergewerkschaft GDL endlich in greifbare Nähe zu rücken. Doch jetzt hat die kleinste Arbeitnehmerorganisation den mühsam geknüpften Gesprächsfaden erst einmal fallen gelassen.

Aus Unzufriedenheit über die Angebote des Konzerns will GDL-Boss Manfred Schell an diesem Sonntag mit seinen Spitzengremien über das weitere Vorgehen entscheiden. Zur Debatte stehen soll dann auch die "Option Streik", wie es am Freitag in der Gewerkschaftszentrale hieß.

Nicht zum ersten Mal in der monatelangen Auseinandersetzung erwiesen sich Einschätzungen als kurzlebige Trugbilder. Noch am Dienstag hatte Schell einen nahen Durchbruch ausgemacht und sagte voraus, "dass wir am Donnerstag alles in trockenen Tüchern haben". Die Bahn äußerte sich da noch deutlich zurückhaltender. Doch dann kehrte sich die Rollenverteilung abrupt um, nachdem die Unterhändler am Donnerstagabend ohne eine Einigung auseinandergegangen waren. "Ein Scheitern der Tarifverhandlungen kann ich jetzt nicht mehr ausschließen", warnte Schell. Und Bahnchef Hartmut Mehdorn - gerade auf Reisen im fernen Indien - ließ erklären, eine Einigung sei noch in der nächsten Woche möglich.

"In wesentlichen Punkten" sei inzwischen Einvernehmen erreicht, lautete das Fazit des Bahnchefs. So sei das heiß umkämpften Thema des eigenständigen Tarifvertrags geklärt, über eine neue Entgeltstruktur für die Lokführer mit besseren Aufstiegsmöglichkeiten sei man sich ebenfalls einig. Und auch beim Geld sei der Konzern "bereits über die Grenze des wirtschaftlich Vertretbaren" hinausgegangen. Angeboten werde der GDL nun ein Einkommensplus von durchschnittlich 11 Prozent, und zwar ohne Mehrarbeit, wie Mehdorn betonte. Erreicht werden könnte diese Marke schrittweise bis Oktober. Und schon im Januar 2009 könnte dann bereits die nächsten Tarifrunde folgen.

Wie der Hauptvorstand und die Tarifkommission der GDL das jüngste Angebot am Sonntag im Detail bewerten werden, blieb zunächst offen. Vorerst beließ es Schell beim pessimistischen Pauschalurteil "nach wie vor nicht ausreichend". Die Gewerkschaftsforderung liegt, weiter eher unscharf formuliert, bei "mehr als zehn Prozent mehr Geld". In den Verhandlungen soll die Gewerkschaft zu erkennen gegeben haben, dass sie effektiv bis zu 14,5 Prozent Plus verlange, hieß es.

Inwiefern die auf Druck der Bundesregierung gefundene gemeinsame Verhandlungsbasis trägt, muss sich jetzt erweisen. Teilnehmer beider Seiten bestätigen, dass die im Verborgenen geführten Gespräche seit Weihnachten tatsächlich "konstruktiv" gewesen waren. Misstrauen habe abgebaut werden können, was die Teilergebnisse möglich gemacht habe. Allerdings verschwieg die Bahn ihrem Verhandlungspartner zunächst, dass sie bereits am Heiligen Abend Verfassungsbeschwerde gegen eine vorherige gerichtliche Streikerlaubnis für die GDL eingereicht hatte. Die Gewerkschaft reagierte verärgert, als Grund für die vorläufige Verhandlungspause galt dies aber nicht.

Eine unverhoffte Begleiterscheinung des monatelangen Tarifpokers werden die GDL-Mitglieder derweil bald im Portemonnaie zu spüren bekommen. Denn noch im Januar bekommen ihre Kollegen, die bei Transnet und GDBA organisiert sind, zum ersten Mal 4,5 Prozent mehr Geld überwiesen. So hatten es die beiden großen Gewerkschaften mit dem Konzern im Sommer vereinbart. Für die GDL-Mitglieder bleibt erst einmal alles beim Alten.

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