Vom Luftkissen vor das Insolvenzgericht

Firma Covertex: - Damit hatte niemand gerechnet: Die Firma Covertex musste trotz Vorzeigeprojekten in aller Welt Insolvenz anmelden. Die Membranspezialisten aus Oberbayern verrechneten sich bei einem Auftrag. Jetzt kämpfen die Gründer gegen die Zerschlagung.

Obing/München - Ihre Projekte finden Bewunderer in der ganzen Welt, sie wurden mit Architektur- und Unternehmer-Preisen überhäuft und sie galten als mittelständisches Vorzeige-Unternehmen - doch dieses, Covertex, ist jetzt insolvent. Die Firma, die der Münchner Fußballarena ihre High tech-Luftkissen-Hülle kons truierte und derzeit am Dach des Leichtathletikstadions für Olympia 2008 in Peking baut.

"Keine leichte Zeit gerade", kommentiert Dirk Temme trocken. Der 46-Jährige ist einer von drei geschäftsführenden Gesellschaftern, die das Unternehmen Covertex vor sieben Jahren gründeten. Im beschaulichen Obing, rund zwölf Kilometer nördlich des Chiemsees, schrieb das Trio Erfolgsgeschichte. Auf das aktuelle Kapitel hätten die Unternehmer aber gern verzichtet. Vor zwei Wochen reichten sie beim Amtsgericht Traunstein den Insolvenzantrag ein.

"Man ist wie gelähmt", beschreibt Temme die Situation. "Wir sind auf so vielen Fronten aufgestellt, haben so viele Projekte am Laufen und können nichts tun, weil wichtige Entscheidungen noch ausstehen." Der Architekt ist zwar sicher, dass sie 80 bis 90 Prozent der Aufträge erfüllen können - aber je länger der Prozess dauert, desto unruhiger wird auch die Branche.

Covertex hat nicht allzu viele Konkurrenten im Bereich der Membrantechnologie. Temme spricht von vier nationalen und acht internationalen Wettbewerbern. Doch diese seien immer stärker zu spüren: "Wir haben Schlagseite, jetzt beißen einige zu", sagt Temme, da werde mit harten Mitteln unschön gekämpft.

Austeilen und die anderen schlechtreden wolle er zwar nicht, aber ohne Gegenwehr das Feld räumen kommt für Temme nicht in Frage: "Ich kann nichts versprechen, aber ich kämpfe um den Erhalt der Firma." Covertex habe einen viel zu guten Ruf, sei viel zu bekannt, als dass es mitsamt seinen 150 Beschäftigten von der Bildfläche verschwindet. "Das darf und wird auch nicht passieren", sagt Temme, die Firma müsse am Leben bleiben, dürfe nicht zerschlagen werden.

Das sieht auch der Insolvenzverwalter Klaus-Martin Lutz so, der eine Gesamtlösung favorisiert. Die Rettungs chancen stünden günstig, es gebe rund ein Dutzend Interessenten für das Unternehmen. Die Angestellten am Sitz in Obing sowie bei den drei Auslandstöchtern in Großbritannien und Asien könnten sich aber auch angesichts der guten Marktentwicklung in der Membrantechnologie-Branche Hoffnungen auf eine Übernahme beziehungsweise Weiterbeschäftigung machen.

Sieben Jahre ist es her, dass der Segelmachermeister Jürgen Obermeier, der Diplom-Ingenieur Hubert Reiter und der Architekt Dirk Temme ihre eigene Firma gründeten, der Erfolg ließ nicht lange auf sich warten. Im Nachhinein gesehen, sei alles viel zu schnell gelaufen, meint Temme: "Du bist auf der Überholspur, bretterst mit über 200 Sachen dahin und bist vollkommen überzeugt davon, dass dein Wagen das aushält." Hat er aber nicht.

Einer der Fehler lag in der Struktur des Unternehmens, ist sich Temme sicher. "Wir drei sind Idealisten, die mit Herzblut dabei waren und nur für die Projekte gelebt und gearbeitet haben." Laut Geschäftsführer Hubert Reiter lagen die Umsatzzahlen der vergangenen drei Jahre im Schnitt bei jeweils 14 Millionen Euro, doch sich um finanzielle Polster zu bemühen, an Sicherheiten zu denken, das sei viel zu kurz gekommen, gibt Temme zu.

Beim Mega-Projekt Allianz- Arena seien sie noch "mit einem blauen Auge" davongekommen, hätten keine Verluste geschrieben. Doch als sie im Winter 2005/2006 die Decke der Olympia-Schwimmhalle in München sanierten, seien sie am Ende mit 1,2 Millionen Euro im Minus gestanden - zu viel für die drei Gesellschafter. "Sanierungen sind hochgradig gefährliche Projekte und schwer zu kalkulieren", sagt Temme. Die Berechnungen hatten sich als zu niedrig herausgestellt, die Kosten waren letztendlich explodiert - "ein klarer Fehler von uns", sagt der Architekt.

Nachdem ein privater Investor in letzter Minute abgesprungen war, drehten auch die Banken den Geldhahn zu und die Insolvenz war unausweichlich. Wobei Temme das Wort Insolvenz vermeidet und lieber von "Sanierung" und "Umstrukturierung" spricht.

In den nächsten zwei Wochen sollen die Entscheidungen über die Zukunft von Covertex fallen, dann wird klar, welcher Investor das Ruder in die Hand nimmt. "In meiner liegt es ja schon jetzt nicht mehr", sagt Temme und blickt nachdenklich zu Boden.

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