Luxus aus München an der Kremlmauer

Die stürmische Entwicklung Russlands mischt Europas Autoindustrie auf. Gerade hat das Riesenreich im Osten Deutschland als wichtigsten europäischen Automarkt überholt. Auch BMW stellt sich auf die neue Herausforderung ein.

Der neue 7er feiert Weltpremiere in Moskau Russland vor Deutschland der wichtigste Automarkt Europas

Der Rote Platz ist auch an normalen Tagen bis tief in die Nacht hinein belebt. Doch diesmal treffen sich die Menschen nicht zwischen dem Kaufhaus Gum und der Kremlmauer, sondern drängen sich auf dem schmalen Gehsteig der Brücke über die Moskwa. Von dort ist ein Blick auf ein Ereignis zu erhaschen, zu dem nur einige hundert geladene Gäste direkten Zutritt haben. In einer riesigen Sanduhr enthüllt BMW erstmals vor den Augen einer breiten Öffentlichkeit sein neues Flaggschiff, den 7er.

Das Auto, das bereits in seiner einfachsten Version 59 000 Euro kostet, wird wohl für fast alle Zaungäste unerschwinglich bleiben. Allein die Anschaffung kostet weit mehr als die meisten in den letzten zehn Jahren verdient haben. Und doch setzt BMW auf den Markt, der nach Einschätzung von PriceWaterhouseCoopers ab sofort der wichtigste in ganz Europa ist. Denn ganz allmählich schließt sich in Russland die riesige Lücke zwischen zwei gesellschaftlichen Polen, wie sie auf den Straßen sichtbar werden. Einerseits die Luxuslimousinen der Reichsten (Moskau zählt die meisten Millionäre und Milliardäre in Europa). Andererseits die uralten Rostlauben, mit denen sich viele einfache Menschen als illegale Taxifahrer und Kuriere das Überleben in der nun auch teuersten Metropole des Kontinents ein wenig erleichtern.

Dabei sind betuchtere Kunden in Russland kaum markentreu. "Jeder will das Neueste", sagt BMW-Russland-Chef Christian Kremer. So geriet BMW jüngst ins Hintertreffen, als Mercedes und Audi mit neuen Oberklasse-Modellen nach fünf Jahren Marktführerschaft an den Münchnern vorbeizogen. Nicht zuletzt deshalb wird der 7er zuerst in Moskau präsentiert. Doch ist das nur einer der Gründe. "Das Topmodell öffnet Märkte", sagt Jan Christian Koenders, Chef der BMW-Markenkommunikation. Davon profitieren auch die kleineren Baureihen. Die wachsende Zahl von Aufsteigern hat mittlerweile den 5er zum Bestseller für BMW in Russland gemacht und auch 3er und 1er legen nun deutlich zu, wie Christian Kremer betont.

In kaum einer anderen Region der Welt ist der Kampf ums Premium-Segment so spannend. Die drei deutschen Hersteller kämpfen um die Spitze. Doch knapp dahinter folgen schon Lexus (Japan), Land Rover (England) und Volvo (Schweden). 14 500 Autos hat BMW im vergangenen Jahr in Russland verkauft, heuer sollen es 20 000 werden. Doch auch der Gesamtmarkt wächst rasant. Schon im ersten Halbjahr 2008 wurden mit 1,64 Millionen Fahrzeugen zwei Drittel der gesamten Vorjahresverkaufszahl erreicht. Doch dürfte den Import-Marken in Russland bald ein eisiger Wind ins Gesicht blasen. Ministerpräsident Wladimir Putin hat vor, den Marktanteil der Importe von derzeit 60 auf 20 Prozent zurückzudrängen.

Ein großer Teil der von Putin angestrebten Quote wird wohl erreicht werden, weil die meisten internationalen Hersteller eigene Werke in Russland planen. Auch BMW produziert gemeinsam mit dem russischen Unternehmen Avtotor in Russland Autos, allerdings - vor allem um Zollhürden zu überwinden - aus vorgefertigten Bausätzen. 4500 solcher Autos wurden 2007 in Kaliningrad, dem früher ostpreußischen Königsberg, produziert.

Dabei bleiben die Weltstädte der Schwerpunkt: Elf der insgesamt 63 russischen BMW-Händler finden sich in Moskau, fünf in St. Petersburg. "Schon 300 Kilometer vor Moskau haben die Menschen einen völlig anderen Lebensstil", sagt der Wirtschaftsforscher Sergei Afontsev. Doch auch in den Provinzmetropolen, wie Nischni Nowgorod, Jekaterinburg oder Nowosibirsk wächst der Wohlstand. Vor vier Jahren habe BMW in solchen Städten noch 30 bis 40 Autos im Jahr verkauft, mittlerweile seien es 250 bis 300. Insgesamt ist der Münchner Konzern bereits in 47 russischen Großtstädten mit Händlern vertreten.

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