"Mär von Käuflichkeit und Korruption"

- Düsseldorf - "Es ist allerhöchste Zeit, dass diese Angeklagten freigesprochen werden." Rainer Hamm, Verteidiger von Ex-IG-Metall-Chef Klaus Zwickel, lässt im Mannesmann-Prozess seinen Blick über die Anklagebank streifen: über Deutsche-Bank-Chef Josef Ackermann, Ex-Mannesmann-Chef Klaus Esser und die anderen vier Angeklagten. Dann fährt er fort: Nach fünfmonatiger Beweisaufnahme glichen die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft in ihrem Realitätsgehalt einem Harry-Potter-Buch.

<P>Vier Stunden nehmen sich die Verteidiger in Deutschlands spektakulärstem Wirtschaftsprozess Zeit, um auf die Vorwürfe der Staatsanwaltschaft zu reagieren. Haftstrafen von bis zu drei Jahren hatte die Anklagebehörde in der vergangenen Woche gefordert: wegen Selbstbegünstigung und Pflichtvergessenheit oder, juristisch ausgedrückt, wegen Untreue in einem besonders schweren Fall und Beihilfe dazu. Die Verteidiger fordern ausnahmslos: Freispruch.<BR><BR>"Wir lachen Sie nicht aus, dazu sind wir zu wohlerzogen."<BR>Ein Verteidiger</P><P>In der Darstellung der Staatsanwälte wird die Geschichte des Verfahrens zu einem Spiegelbild der deutschen Neid-Diskussion um explodierende Managergehälter und früher undenkbare Millionenprämien. Die Anklage sei als Antwort auf die öffentliche Empörung über die Millionenabfindungen für Esser und Co. vorangetrieben worden, rügt Ackermann-Anwalt Eberhard Kempf. Dabei habe die Anklagebehörde den Untreuevorwurf als "Allzweckwaffe wirtschaftlicher Unzufriedenheit" missbraucht.</P><P>"Das Strafrecht ist aber weder Klempner noch Nothelfer der Gesellschaft", hebt Kempf hervor. Das Strafrecht könne nicht entscheiden, wie hoch ein Managergehalt ausfallen dürfe. "Der Aufsichtsrat kann am besten beurteilen, was die Tätigkeit eines Vorstandsvorsitzenden einem Unternehmen wert ist." Wenn das Aktienrecht der heute von vielen als Problem empfundenen Höhe von Managergehältern keinen Riegel vorschiebe, könne das Strafrecht das Problem nicht lösen. Zwickel-Verteidiger Rainer Hamm meinte, der Fall Mannesmann sei ungeeignet, "mit der Keule der Freiheitsstrafe die Sitten in der Wirtschaft bereinigen zu wollen".</P><P>Für die von der Staatsanwaltschaft im Prozess vertretene "Mär von Käuflichkeit, Korruption und Komplotten" gebe es nach mehr als fünf Monaten Prozessdauer keine Beweise, rügte Kempf. Sein Mitverteidiger Klaus Volk ergänzte, nicht einmal ein Schaden lasse sich belegen: "Dies ist das einzige große Wirtschaftsstrafverfahren, wo nicht parallel Schadenersatzforderungen erhoben werden." Und: "Untreue ohne Schaden gibt es so wenig wie Mord ohne Leiche".</P><P>Und ein anderer Verteidiger meinte sogar zu den Anklagevertretern: "Wir lachen Sie nicht aus, dazu sind wir zu wohlerzogen."</P>

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