Von Mäusen und Maschinen: Wie die Allianz den Ernstfall erforscht

- München - Der erste Bagger brannte im März. In der Nacht, auf einer Baustelle in Norddeutschland machten sich die Flammen über den Koloss her und weideten ihn völlig aus. Übrig blieb ein verkohltes, verbogenes Blechgerippe. War es Brandstiftung? Ein Unfall? Feuerwehr und Polizei finden keine Antwort.

<P>Zwei Monate später ein Déjà-vu in Frankreich: Eine Baumaschine des gleichen Typs fackelt ab. Wieder kann niemand erklären, wie sich das Feuer entzündete. Nun aber schrillen beim Hersteller die Alarmglocken. Sollte ein Konstruktionsfehler die Ursache sein, droht eine kostspielige Rückrufaktion. Denn 10 000 dieser Bagger bewegen weltweit das Erdreich. Jemand soll herausfinden, warum es gebrannt hat und vor allem, wer dafür geradestehen muss. Der Hersteller? Die Baufirma?</P><P>Die Akte landet im Münchner Vorort Ismaning. Dort umrahmen die Durchfahrtsstraße, ein Getränkemarkt und mehrere Vorgärten das Allianz Zentrum für Technik. In dem grauen Zweckbau ist die "Pathologie der Technik" zu Hause, wie Mitarbeiter Jürgen Lieske sagt. Denn der Mutterkonzern Allianz, andere Versicherungen und auch Privatunternehmen klopfen immer dann an, wenn etwas brennt, bricht oder explodiert, viel kaputtgeht und niemand die Rechnung begleichen will - so wie bei den Baggern.</P><P>"Da geht es um dickes Geld", meint der 37-jährige Lieske, der gemeinsam mit 90 Kollegen die Ursachen von Katastrophen aufspürt. Der Fall ist noch nicht abgeschlossen, aber mittlerweile steht fest, dass die Baumaschinen brannten, weil die Treibstoffleitung undicht war. Wahrscheinlich hatte ein Zulieferer geschlampt.</P><P>Fast immer sind es solche Kleinigkeiten, die Schlimmes anrichten und die von den Schadendetektiven entdeckt werden müssen. Eine davon ist ein in Glas gefasster Ascheklumpen, der in einem Gang des AZT hängt. "Eine Maus", hilft Jürgen Lieske auf die Sprünge. Der Nager starb, weil er an einer Stromleitung knabberte. Der anschließende Kurzschluss ließ ein Hochhaus ausbrennen.</P><P>Eine andere Trophäe rastet vor dem Hintereingang des Technikzentrums. Das längliche, tonnenschwere Stahlgebilde gehörte einmal zu einer Dampfturbine in einem Kraftwerk bei Ingolstadt. Am 30. Dezember 1987 riss frühmorgens bei 3000 Umdrehungen eine Welle ab; die Turbine barst. Von der Schwungkraft beschleunigt, durchschlugen Bruchstücke das Dach der Maschinenhalle. Ein 1,3 Tonnen schwerer Brocken flog über hundert Meter weit, bis er auf einem Acker einschlug. An dem 15-Millionen-Desaster hatte ein Materialfehler Schuld.</P><P>Tatsächlich dreht sich am AZT aber nicht alles um die Analyse technischer Katastrophen. Es geht auch darum, aus Trümmern schlau zu werden, um künftige Schäden zu vermeiden. Dabei leiten die AZT-Mitarbeiter Empfehlungen zur Schadenprävention nicht nur aus Fällen ab, die sich tatsächlich ereignet haben. Sie zerstören Dinge auch absichtlich, um zu lernen. Etwa in der Brandkammer, die mit den unverputzten, verrußten Ziegelwänden an ein mittelalterliches Folterverlies erinnert. Zuletzt haben Feuerexperten dort einen Computerschrank gequält, um eine spezielle Löschtechnik zu testen.</P><P>Im Keller eines anderen Gebäudeteils verläuft die "Allianz-Straße". Auf der 25 Meter langen Bahn fahren regelmäßig Autos gegen die Wand - um zu untersuchen, wie robust die Karosserien einzelner Hersteller sind, wie Hartmuth Wolff, Abteilungsdirektor für Kfz-Technik, erklärt. Und um zu sehen, was mit Insassen passiert, wenn die beim Aufprall etwa die Füße auf dem Armaturenbrett liegen haben.</P><P>Schmerzhaft muss es sein, wie ein Videofilm mit einem Dummy zeigt. Unangenehme Folgen der Fliehkraft zeigten sich auch bei den Tests mit dem nicht angeschnallten Hund - einem Stofftier - auf der Rückbank. "Wir haben hernach ein Hundeschutzgitter entwickelt", sagt Wolff.</P><P>Bahnbrechendes hatte sich der Ingenieur schon vor zehn Jahren ausgedacht. Damals, als der Eiserne Vorhang fiel, schoss in Deutschland die Zahl der Autodiebstähle in die Höhe. "Es war, als hätte man den Stöpsel aus der Badewanne gezogen", erzählt der Ingenieur. "Die Autos flossen gen Osten ab." Die Versicherer wurden unruhig, weil die Bilanzen litten. Wolff entwickelte daraufhin die Idee der elektronischen Wegfahrsperre. Sie ist heute Standard in Pkws, der Autoklau ging zurück.</P><P>Der tägliche Kontakt mit Unfällen und Katastrophen verändert die Psyche. Schmunzelnd erzählt Jürgen Lieske von einem Kollegen, dem Brandexperten, der nie aus dem Haus geht, ohne die Mehrfachstecker auszuschalten. Aber auch ihn selber hat es gepackt: Seit kurzem hängt ein Feuerlöscher in seiner Küche.</P>

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