Mammutprojekt Gesundheitskarte: Bayern bewirbt sich als Testregion

- München - Bei der Einführung der elektronischen Gesundheitskarte will Bayern ganz vorne mitmischen, um seine Qualität als Technologie-Standort zu beweisen. Sozialministerin Christa Stewens bemüht sich deshalb, den Großraum Ingolstadt als eine der bundesweiten Modellregionen für das Vorhaben durchzuboxen. Die Chancen stehen gut.

<P>Am 1. Januar 2006 soll die neue elektronische Gesundheitskarte die bisher verwendeten Krankenkassen-Karten ersetzen. Die Politik hofft, mit dem Systemwechsel das überteuerte Gesundheitssystem der Bundesrepublik zu entlasten. So soll etwa ein aufgedrucktes Lichtbild des Eigentümers den Karten-Missbrauch verhindern, der jährlich Millionenverluste verursacht. Zudem ist geplant, Patientendaten wie Blutgruppe oder Arzneimittel-Unverträglichkeiten, Rezepte und Arztbriefe auf einem Chip zu speichern. Diese Informationen sollen Ärzten und Apothekern helfen, die Bürger effizienter zu versorgen.</P><P>Bis jeder der 80 Millionen krankenversicherten Deutschen das neue Plastik in den Händen hält, muss jedoch noch viel passieren. So ist nicht nur die Ausgabe der Karten zu organisieren, die das Münchner Unternehmen Giesecke & Devrient herstellt. Auch 185 000 niedergelassene Ärzte, fast 22 000 Apotheken und rund 2200 Krankenhäuser müssen vernetzt werden. Das 1,8 Milliarden Euro schwere Vorhaben gilt bis dato als das weltweit aufwändigste Telematikprojekt im Gesundheitswesen. Zwar gibt es unter anderem bereits in Taiwan eine Gesundheitskarte, die Österreicher bekommen sie Anfang 2005. Nirgendwo aber war der organisatorische Aufwand bislang größer als in Deutschland.</P><P>Wegen dieser Komplexität soll der Einsatz der Gesundheitskarte vor dem offiziellen Start in bis zu drei Modellregionen erprobt werden. Um zu zeigen, dass "Bayern in der Lage ist, ein solches Highlight der Medizintechnik zu stemmen", wie es im Sozialministerium heißt, möchte der Freistaat an der Testphase teilnehmen. Ingolstadt bietet dafür ideale Voraussetzungen, sagt Christa Stewens.</P><P>In der zweitgrößten Kommune Oberbayerns haben sich 470 Mediziner zum Praxisnetz "Goin" zusammengetan, das 190 000 Patienten betreut. Die beteiligten Ärzte versuchen, durch intensive Absprache untereinander Doppeluntersuchungen zu vermeiden und Facharztbesuche zu reduzieren, um die Gesundheitskosten zu senken. "Wir glauben, dass wir eine ideale Testregion sind", sagte Heribert Lindner, zweiter Vorsitzender von "Goin", unserer Zeitung.</P><P>Davon ist auch das bayerische Sozialministerium überzeugt. Mit "Goin" gebe es bereits eine funktionierende Infrastruktur, auf der die Gesundheitskarte aufbauen könnte. Christa Stewens sagte bei einer Veranstaltung in Ingolstadt, der Freistaat stehe nach intensiven Vorbereitungen "in den Startblöcken". Sie forderte den Bund auf, schnell die Modellregionen für die neue Karte zu benennen. Andernfalls sei zu befürchten, das am Starttermin nicht festgehalten werden könne, was Kritiker bereits öfters bezweifelten. "Organisatorische Fehlplanungen wie bei der Lkw-Maut dürfen sich nicht wiederholen", sagte Stewens.</P><P>Die Chancen, dass Ingolstadt als Testregion ausgewählt wird, stehen gut, wie Beobachter schätzen. Sie loben die dortigen Vorarbeiten, während einige der Bewerber aus anderen Bundesländern bislang nur Absichtserklärungen vorgelegt hätten. Der Probebetrieb soll in etwa einem Jahr anlaufen.</P>

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