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Die langjährige Erfolgssparte macht durch die Konjunkturkrise Verlust: Kurbelwelle für einen MAN-Schiffsmotor.

MAN-Ertragsperle wird zum Sorgenkind

München - MAN sieht kein Ende der Rezession in Europa – und rechnet für das Jahr 2013 unter dem Strich mit einem Verlust. Operativ soll es aber im zweiten Halbjahr wieder aufwärtsgehen.

Üblicherweise blicken Unternehmen mit den Halbjahreszahlen auf den weiteren Verlauf eines Jahres. MAN-Chef Georg Pachta-Reyhofen richtete gestern den Blick viel weiter nach vorn. „Insgesamt wird die weltweite Nachfrage nach innovativen Lösungen in den Bereichen Transport und Energie weiter zunehmen.“ Das sind die beiden Bereiche, auf die MAN seine gesamten Geschäfte konzentriert hat. Und deshalb erwartet der Münchner Konzern, dass es auf lange Sicht wieder aufwärtsgeht.

Das lässt auch den Schluss zu, dass es kurzfristig nicht rosig aussieht. Da ist viel Schatten und wenig Licht: Leiharbeiter wurden entlassen sowie die natürliche Fluktuation zum Personalabbau genutzt. So sank die Mitarbeiterzahl um ein Prozent auf 53 769. Sie liegt aber immer noch höher als vor 2012. Auch die Kurzarbeit soll in den nächsten Monaten ausgeweitet werden. Dann ist auch das MAN-Werk Salzgitter betroffen.

Nun rächt sich, dass die Nutzfahrzeug-Tochter MAN Truck & Bus so sehr auf den europäischen Markt angewiesen ist. Der verharrt, wie Pachta-Reyhofen sagt, weiter in der Rezession. Der Umsatz hat zwar im zweiten Quartal leicht zugelegt. Doch das reicht nicht aus, um das dicke Minus aus dem Vorquartal auszugleichen. Insgesamt schrumpfte der Umsatz im ersten Halbjahr um drei Prozent auf 4,25 Milliarden Euro. Nur ein zweistelliger Umsatzzuwachs der brasilianischen Tochter MAN Latin-America sorgte dafür, dass unter dem Strich bei den Nutzfahrzeugen ein Wachstum von einem Prozent steht und ein operatives Ergebnis von 142 Millionen Euro. Das ist ein Plus – aber 71 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum.

Immerhin sieht Nutzfahrzeug-Chef Anders Nielsen „Licht am Ende des Tunnels“. Die Einführung der strengeren Abgasnorm Euro VI ab 2014 sorgt dafür, dass viele Spediteure Anschaffungen vorziehen und die billigeren Euro V-Fahrzeuge noch heuer kaufen. Die erreichten Umsätze wären aber nur vorgezogen.

Doch das ist noch vergleichsweise gut. Bei der Maschinenbau-Sparte Power Engineering, der einstigen Ertragsperle des Konzerns, regnet es richtig durchs Dach. Bei ihr brach der Umsatz um sieben Prozent ein auf nur noch 1,84 Milliarden Euro. Und aus einem operativen Ergebnis von 239 Millionen Euro im ersten Halbjahr 2012 wurde 2013 ein Verlust von 193 Millionen.

Eine Ursache ist, dass im Schiffsbau, dem wichtigsten Einsatzbereich von MAN-Großmotoren, der konjunkturelle Wellengang höhere Ausschläge hat als im Landverkehr. Das trifft MAN hart. Um dies auszugleichen, hat Pachta-Reyhofen, als er noch Motorenbau-Chef war, eine strategisch richtige Entscheidung getroffen: Er wollte Großmotoren nicht mehr nur als Schiffsdiesel anbieten, sondern auch für Kraftwerke. Damit könnte MAN zu den großen Profiteuren der Energiewende gehören. Denn neben diesen Motoren für Blockheizkraftwerke, die Strom und Wärme liefern, stellt die Maschinenbausparte auch die Turbinen für allerlei Energieversorgungsanlagen her und die Getriebe für Windkraftwerke.

Doch Anfängerfehler in der neuen Branche kosten nun erst mal Lehrgeld. Für ein misslungenes Kraftwerksgeschäft stellte MAN 146 Millionen Euro Rückstellungen ein. Damit nicht genug: Nach der Eingliederung in den VW-Konzern gehen dem Konzern Verlustvorträge verloren, mit denen er die Steuerlast mindern könnte. Aus diesem Grund muss er in diesem Jahr Steuern auf nicht vorhandene Gewinne vorhalten. Damit ist davon auszugehen, dass der Konzern, der vor Steuern im Gesamtjahr in die Gewinnzone zurückkehren will, nach Steuern Verlust macht, erklärt Peter Park, Finanzvorstand von MAN Diesel & Turbo, der auch die Zahlen für MAN insgesamt vorstellte. Finanzvorstand Frank Lutz hat das Unternehmen im Februar verlassen – offensichtlich wegen zunehmender Einmischungen aus Wolfsburg.

Das sollte im Hinterkopf behalten, wer erwägt, sich von MAN-Aktien zu trennen. Bei Steuern und Rückstellungen, die MAN jetzt so schlecht aussehen lassen, gibt es Einschätzungsspielräume. Und es ist nicht im Interesse von Volkswagen, dass MAN derzeit gut dasteht. Denn der Wolfsburger Konzern hat MAN-Aktionären eine Pflichtabfindung von 80, 69 Euro pro Anteil geboten. Das gilt bis September und liegt sogar unter dem Börsenwert. Fallende Kurse könnten dem Mutterkonzern Anteile zum Schnäppchenpreis zuspielen.

Gleichzeitig sitzen die Altaktionäre auf einem Schatz, der unter VW-Herrschaft gar nicht zu heben ist. Sollte der Autokonzern das Interesse an seiner Nutzfahrzeug-Tochter wieder verlieren und sie verkaufen, wären die jetzt wertlosen Verlustvorträge wieder aktiv. Dann würden sie die Steuerlast senken und den Wert des Unternehmens steigern. Es kommt nicht nur für den MAN-Vorstand, auf die langfristige Perspektive an.

Martin Prem

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