Der Mann für harte Tage

München - Mitten in der Finanzkrise hat Michael Kemmer die Führung der Bayerischen Landesbank (BayernLB) übernommen. Am Sonntag ist er hundert Tage im Amt. Seine wichtigste Aufgabe ist es nun, seinen eigenen Arbeitsplatz überflüssig zu machen.

Als Michael Kemmer seinen ersten öffentlichen Termin als Chef der Bayerischen Landesbank absolviert, übertragen die Nachrichtensender live. Im fünften Stock der BayernLB-Zentrale drängen sich Fotografen. Reporter verfolgen durch die geöffnete Tür, was sich im überfüllten Saal abspielt. Zu diesem Zeitpunkt ist Michael Kemmer gut einen Monat im Amt und sein Unternehmen in einer seiner tiefsten Krisen.

Kemmer muss offenbaren, dass die Finanzturbulenzen die Bayerische Landesbank mit 4,3 Milliarden Euro belasten - und damit so schwer wie kaum ein anderes Institut in Deutschland. Die Bank hat in den ersten drei Monaten dieses Jahres einen Verlust erlitten - das gab es nie zuvor in ihrer Geschichte. Die Eigentümer - jeweils zur Hälfte der Freistaat und die bayerischen Sparkassen - sollen für Risiken in Milliardenhöhe geradestehen.

Binnen hundert Tagen hat der 51-Jährige erlebt, was andere Manager ein Leben lang nicht mitmachen. Das politische Hickhack um die Veröffentlichung der Krisenzahlen hatte Kemmers eigenwilligen Vorgänger Werner Schmidt Ende Februar den Posten gekostet. Und es belastet die Bank nach wie vor. Kemmer selbst musste in der vergangenen Woche vor dem Untersuchungsausschuss im Bayerischen Landtag antreten, wo die Opposition seit Monaten die Frage ausbreitet, wer wann was über welche Zahlen der Bank gewusst haben könnte. Ziel von SPD und Grünen ist es, Finanzminister Erwin Huber, der als stellvertretender Vorsitzender im Verwaltungsrat der Bank sitzt und sich lange nicht konkret zum Ausmaß der Belastung geäußert hatte, einer Lüge zu überführen.

Für die Folgen der Finanzkrise trägt Kemmer, der vor zwei Jahren zur Landesbank gekommen war, kaum eine Verantwortung. Das sprach für ihn, als es um die Neubesetzung des Chefpostens ging. Noch wichtiger dürfte aber sein Werdegang sein.

Kemmer ist kein Typ für Manschettenknöpfe und Krawattennadel. Besucher empfängt er in seinem Büro schon mal hemdsärmlig. Dem gebürtigen Nördlinger, der gern in die Berge geht, ist seine Herkunft anzumerken, wenn er "erschter" sagt oder erzählt, dass er etwas "mog". Banker war nicht sein Traumberuf. Er wollte Journalist werden, hatte sich nach dem Abitur mit einer Reportage über den Augsburger Zoo um ein Volontariat beworben. Doch sein Vater beknetete ihn: Erst solle er studieren, dann das Journalisten-Handwerk lernen. Also trat Kemmer sein Studium der Wirtschaftswissenschaften in München an. Und gewann Gefallen am Bankgeschäft.

Er war unter anderem als Bereichsleiter an der Fusion von Hypobank und Bayerischer Vereinsbank beteiligt. Bei der daraus entstandenen HypoVereinsbank erlebte er die Übernahme der Bank Austria mit und gehörte zu denen, die die Idee zur Abspaltung des Immobilienfinanzierers Hypo Real Estate entwickelten. Im Zuge der Übernahme der HVB durch die italienische Unicredit verließ er das Institut. Zwar hätte er in dem italienischen Konzern als Risikomanager Karriere machen können. Doch er sagte dem mächtigen Unicredit-Chef Alessandro Profumo ab und begann ein halbes Jahr später seine Arbeit bei der BayernLB. Dort kann man jetzt Kemmers Fusionserfahrung gut brauchen.

Derzeit arbeitet die Bank daran, riskante Wertpapiere mit einem Volumen von rund 24 Milliarden Euro in eine Zweckgesellschaft auszugliedern. Für Zahlungsausfälle in dieser Gesellschaft sollen in erster Linie der Freistaat und die Sparkassen bürgen. Doch das ist nur ein Zwischenschritt, der die Bank von der Unruhe regelmäßiger Milliardenabschreibungen befreien soll. Kemmers große Aufgabe ist die Gestaltung der langfristigen Zukunft der Bank. Und die liegt in einer Fusion.

Landesbanken müssen sich zusammenschließen, um im Wettbewerb mit der privaten Konkurrenz überleben zu können. Daran gibt es in der Branche kaum Zweifel. Bayerns Sparkassen liebäugeln seit langem mit einer Fusion zwischen BayernLB und der Landesbank Baden-Württemberg (LBBW). Der Freistaat hat sich dagegen gesträubt. Denn in dieser Verbindung hätte die größere LBBW das Sagen. Eine Fusion würde den Bankplatz München weiter schwächen, den Einfluss der Staatsregierung reduzieren und viele Arbeitsplätze bei der BayernLB kosten. Auch der Posten des Vorstandschefs wäre dann wohl überflüssig. Die Kontrolle läge in Stuttgart. Doch inzwischen zeichnet sich ab, dass der Widerstand der Staatsregierung gegen diesen Schritt bricht.

Heuer seien alle Banken damit ausgelastet, die Folgen der Finanzkrise aufzuarbeiten. Danach müsse man sehen, welche Optionen sich bieten, lautet die offizielle Sprachregelung. Für Michael Kemmer dürfte damit das Programm seiner nächsten ein-, zwei- oder dreihundert Tage als BayernLB-Chef geschrieben sein.

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