Markenfirmen beklagen grenzenlose Dreistigkeit der Produkt-Piraten

- Stuttgart - Billig ist nicht immer gut - und selten echt. Seit Jahren überschwemmen Plagiate aus aller Welt den deutschen Markt. Schmuck, Textilien, Haushaltsgeräte, Möbel, Sägen, Auto-Ersatzteile, Gartenzwerge, Kosmetika oder Medikamente - kaum ein Produkt, das nicht betroffen wäre. Die damit verbundenen Gefahren und Schäden bedenken die Käufer oft nicht. "Mit dem Kauf der Produkte unterstützt man tendenziell auch Kinderarbeit, Arbeiter-Ausbeutung und terroristische Machenschaften", warnt die Leiterin von Aktion Plagiarius mit Sitz im bayerischen Elchingen, Christine Lacroix. Die dreistesten Fälschungen werden seit 1977 jährlich mit dem Preis "Plagiarius" ausgezeichnet. Die diesjährigen "Gewinner" sind zurzeit in Stuttgart ausgestellt.

<P>Allein in Deutschland könnten ohne die Verluste aus der Produkt-Piraterie etwa 70 000 Menschen mehr in Arbeit sein, schätzt der Aktionskreis Deutsche Wirtschaft gegen Produkt- und Markenpiraterie (APM). Der Schaden summiere sich auf rund 30 Milliarden Euro. Oft stammen die Produkte aus Fernost. Doch finden sich unter den Sündern auch Länder wie Indonesien, die Türkei, Staaten Osteuropas und Deutschland. Am Welthandel haben Plagiate nach APM-Schätzungen einen Anteil von etwa acht Prozent. Der Schaden: rund 800 Milliarden Euro.<BR><BR>Die Dreistigkeit der Produkt-Piraten kennt kaum Grenzen. Der Gründer des süddeutschen Möbelherstellers Interstuhl, Werner Link, berichtet von einer Kopie eines seiner Produkte, die der chinesische Plagiator bei einem internationalen Design-Wettbewerb einreichte. Ein Mitarbeiter des Sägenherstellers Stihl fand auf einer Messe eine original Stihl-Säge, an der das Logo fehlte. "Die haben nur einmal einen Versuchsballon gestartet, ob es für ein Plagiat auch Käufer gibt", sagt Stihl-Sprecher Stefan Caspari. <BR><BR>Eine weitere Säge der Firma Stihl wurde bereits kopiert und unter dem unverfänglichen Namen OLO-7HILS verkauft. Auf den Kopf gestellt ergibt sich der Name des Originalmodells: STIHL-070. Die Erbacher Firma Koziol entdeckte auf einer Messe unlängst die Imitation einer ganzen Produkt-Serie seiner Haushaltswaren, die nur ein halbes Jahr zuvor entwickelt wurde. <BR><BR>"Die Qualität der Produkte reicht von Schrott, der Leben und Gesundheit gefährdet, bis zur Topware", sagt Lacroix. Im Schadensfall aber blieben die Kosten meist am Käufer hängen. "Und wenn am Auto einmal die gefälschte Bremse ausfällt, dann wird es gefährlich und teuer." Schwer wiege bei Funktions- und Sicherheitsmängeln von Billig-Imitaten auch der Imageschaden, sagt der Sprecher der Sanitärfirma Hans Grohe aus Schiltach, Carsten Tessmer. Oft seien Verpackungen vom Original nicht zu unterscheiden. Firmen berichten von Anrufern, die für Mängel an vermeintlichen Originalen Schadenersatz forderten.<BR><BR>"Wer am internationalen Handel partizipieren will, muss auch für die Einhaltung der Regeln sorgen."<BR>Stefan Caspari</P><P>Gegen Markenfälscher vorzugehen ist schwierig. Der Verein Aktion Plagiarius rät, präventiv alle Innovationen schützen zu lassen. Diesen Weg beschreiten viele Konzerne, sie setzen auch Detektive und Rechtsanwälte auf Fälscher an. Mittelständler hätten dazu nicht die Mittel, sagt Lacroix. Stihl hofft auf ein härteres Durchgreifen der Behörden. "Wer am internationalen Handel partizipieren will", sagt Caspari mit Blick auf Asien, "muss auch für die Einhaltung der Regeln am Markt sorgen."<BR></P>

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