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Unter Beschuss der Öffentlichkeit und der Justiz: Martin Winterkorn, einst VW-Chef.

Ex-VW-Chef drohen 25 Jahre Haft

„Tiefer Fall“, „arrogant“, „unverschämt“: Presse ohne Gnade gegen Winterkorn

Der Abgas-Skandal bedeutete einen Absturz - auch für den langjährigen Volkswagen-Lenker Martin Winterkorn. Lange war es relativ ruhig um den Ex-Chef. Doch plötzlich kehrt die Affäre mit voller Wucht zurück.

Washington/München - Die amerikanische Justiz hat nach der Anklage gegen Martin Winterkorn Haftbefehl gegen den früheren VW-Chef erlassen. Das bestätigte eine Justizsprecherin am Freitag. Die USA wollen den früheren Topmanager des Autobauers wegen Betrugs im Abgasskandal zur Rechenschaft ziehen. Dem 2015 zurückgetretenen Vorstandsvorsitzenden wird außerdem Verschwörung zum Verstoß gegen Umweltgesetze und zur Täuschung der Behörden vorgeworfen, wie aus der Klageschrift hervorgeht, die das zuständige Gericht in Detroit (US-Bundesstaat Michigan) am Donnerstag (Ortszeit) veröffentlicht hatte. In Deutschland ermittelt derweil die Staatsanwaltschaft Braunschweig unter anderem wegen Betrugsverdachts weiter gegen Winterkorn.

Hannoversche Allgemeine Zeitung“:

Die Vorwürfe bringt niemand Geringerer als der Justizminister der Vereinigten Staaten vor, der auch Generalstaatsanwalt ist. Daneben sehen die deutschen Ermittler ein wenig alt aus, doch man sollte ihnen nicht unrecht tun: Ausdrücklich dank der deutschen Hilfe sind die US-Ermittler so weit gekommen. Dass man hierzulande auf den juristischen Theaterdonner verzichtet, sich mit dem Begriff der Verschwörung schwer tut und für Anklagen etwas länger braucht, mag dem Publikum und den vom Abgas-Skandal Betroffenen missfallen - grundsätzlich schlecht ist es nicht. Doch auch hier muss konsequent aufgeklärt werden, und manches spricht dafür, dass es dafür ein Hauptverfahren braucht. Dann müsste Winterkorn eines Tages persönlich vor Gericht erscheinen - bitter für den einst von allen gefeierten Mann, aber anders ist offenbar nicht zu klären, wie es zum Abgas-Betrug kam und wer die Verantwortung dafür trägt. Dass Winterkorn, wie er selbst mehrmals betont hat, davon nichts wusste, kann man mit guten Gründen anzweifeln.

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„Allgemeine Zeitung“ (Mainz):

Plausibel war die Erzählung nie, dass die Abschalteinrichtungen ohne Wissen der Vorstände in den Diesel-Fahrzeugen des VW-Konzerns installiert wurden. Zwischen dieser offensichtlichen Unglaubwürdigkeit und einer erwiesenen Schuld liegt im Rechtsstaat allerdings ein breiter Korridor.

„Volksstimme“ (Magdeburg):

Amerika, du hast es besser. Hast eine Justiz, die zupackt, wenn jemand die Regeln bricht. Jetzt trifft es Martin Winterkorn, dessen unverschämte Geschichte von der heimlichen Verschwörung der Ingenieure immer noch vom VW-Konzern gestützt wird. So viel zur Ankündigung des neuen Chefs, „anständiger“ zu werden. Die VW-Firmenkultur und das Vertrauen in die Zahnlosigkeit der deutschen Justiz und Behörden haben den Skandal begünstigt. Fast drei Jahre danach steht immer noch keine Anklage, obwohl massenhafter Betrug feststeht. Audi-Chef Rupert Stadler wird von eigenen Mitarbeitern belastet. Für den Staatsanwalt reicht das nicht einmal für einen Anfangsverdacht. Hausdurchsuchungen viel zu lange nach der Tat sollen Aktivität vortäuschen. Oliver Schmidt hat erst bei der Verhaftung im Florida-Urlaub erfahren müssen, dass VW-Manager nicht überall unberührbar sind. Für Winterkorn bleibt es einzig bei der Strafe, künftig auf solche Reisen verzichten zu müssen.

„Rhein-Zeitung“ (Koblenz):

War es wirklich Winterkorn, der hinter der Abgasaffäre steckte? Diese und andere Fragen versuchen deutsche Ermittler seit mehr als 30 Monaten zu beantworten - ohne erkennbaren Erfolg. Es gibt keine Anklage, keine Urteile. Natürlich gilt hier wie in den USA die Unschuldsvermutung. Doch um jemanden zu überführen, reicht es nicht, ab und zu medienwirksam Büroräume bei VW und Tochtermarken wie Porsche und Audi zu durchsuchen. In den USA gilt: Zähne zeigen, sich festbeißen, bohren. Wer es in den USA als Unternehmer zu etwas bringt, wird verehrt. Doch wer betrügt und erwischt wird, stürzt gnadenlos ab. Und so machen es die Amerikaner den Deutschen dankenswerterweise vor, wie einem Giganten wie Volkswagen beizukommen ist - mit Entschlossenheit.

„Braunschweiger Zeitung“ zu Winterkorn

Durch die US-Anklage gegen Martin Winterkorn fühlen sich Anleger bestätigt, die VW Marktmanipulation vorwerfen und deshalb auf Schadenersatz klagen. Die US-Justiz unterstellt Winterkorn, deutlich vor 2015 von dem Vergehen gewusst zu haben. Das ist genau die These der Kläger. Gut möglich also, dass die Gerichte nun noch mehr zu tun bekommen. Und für VW ist die Anklage ein Wink mit dem Zaunpfahl. Das, was Vorstand und Aufsichtsrat stets angedeutet haben, bestätigt sich nun einmal mehr. Der Abgas-Betrug ist längst nicht abgearbeitet und wird noch über Jahre Schatten über Wolfsburg werfen. Das wird viel Geld kosten und das Image immer wieder ankratzen.

„Neue Osnabrücker Zeitung“:

Welch tiefer Fall. Lange Jahre war VW-Chef Martin Winterkorn ein weltweit hofierter Konzernlenker. Und heute? Heute kann er sich kaum mehr aus Deutschland heraustrauen, ohne befürchten zu müssen, in amerikanischer Haft zu landen. Schmerzlich rufen die Nachrichten aus den USA auch in Erinnerung, dass Verbraucher jenseits des Atlantiks mehr Rechte haben als deutsche. Während Volkswagen für Vergleiche in den Vereinigten Staaten 24 Milliarden Euro verbucht hat, gibt es hierzulande nur spottbillige Software-Updates für geprellte Kunden. Für Schadenersatz oder Hardware-Nachrüstungen sieht der Konzern weiter keinen Anlass. Winterkorns Geist ist noch lange nicht aus der Wolfsburger Zentrale vertrieben.

„Stuttgarter Nachrichten“:

Die Vorwürfe aus den USA sind Wasser auf die Mühlen der Anwälte, die im Namen von Investoren Milliarden von VW fordern. Ihnen geht es nicht darum, ob Winterkorn ins Gefängnis kommt. Ihnen geht es um die Frage, ab wann bei VW der Betrug bekannt war. Es wird Zeit, dass jemand die Verantwortung für den Skandal übernimmt, statt lediglich Bauern zu opfern.

Die "Frankfurter Allgemeine":

Noch immer werden täglich von fast allen namhaften Autobauern Fahrzeuge verkauft, die mit mehr oder weniger illegalen Mitteln gegen Bestimmungen zum Gesundheits- und Umweltschutz verstoßen, indem Motorsteuerungen und Abgasreinigungssysteme manipuliert werden. Kunden und Behörden werden betrogen, Stadtbewohner krank gemacht. Die Automanager interessiert das herzlich wenig. Da hat sich eine Mischung aus Ignoranz und Arroganz breit gemacht. Die Anklage gegen Winterkorn kann da erzieherisch wirken. Denn sie signalisiert den Führungsetagen, dass es durch Arroganz und Ignoranz auch ganz oben sehr ungemütlich werden kann.

„Landeszeitung“ (Lüneburg):

Die Vorwürfe reichen für bis zu 25 Jahren Haft: Verstöße gegen US-Gesetze, Verschwörung zur Täuschung der Behörden bei der Abgasmanipulation. So steht es in der Anklageschrift der US-Strafverfolger gegen Winterkorn.Das ist weder neu noch überraschend - auch wenn Winterkorns Anwalt betont, man sei „erstaunt“ über die Anklage. Denn es ist die logische Folge der bisherigen US-Vorgehensweise. Wenig überraschend ist auch, dass Politiker und Behörden in Deutschland nicht mit der gleichen Konsequenz den Abgasskandal aufarbeiten. Stattdessen ist der Druck auf die gesamte Autobranche homöopathisch.Und folgt der bekannten Argumentation: Die Autoindustrie ist zu wichtig fürs Land. Und wichtiger als Interessen der Verbraucher, muss hinzugefügt werden. VW wird immer noch nicht zu Hardware-Nachrüstungen verpflichtet. Für Millionen Kunden ändert sich also nichts. Niemand ersetzt ihnen den Wertverlust ihrer Fahrzeuge. Dass Winterkorn nicht mehr in die USA reisen kann, ist nicht einmal ein schwacher Trost für sie.

„Mitteldeutsche Zeitung“ (Halle):

Muss das jetzt noch sein? Schließlich ist der ehedem sehr selbstbewusste Top-Manager schon genug gedemütigt worden - etwa als er vor dem Untersuchungsausschuss des Bundestages zugeben musste, ein Totalversager zu sein. Dennoch: Es muss sein. Es geht um mehr als Winterkorn. Noch immer werden jeden Tag von fast allen namhaften Autobauern Fahrzeuge verkauft, die mit mehr oder weniger legalen Tricks gegen Bestimmungen zum Gesundheits- und Umweltschutz verstoßen. Kunden und Behörden werden betrogen, Stadtbewohner werden krank gemacht. Doch die Automanager interessiert das herzlich wenig. Es hat sich leider eine Mischung aus Ignoranz und Arroganz breit gemacht. Die Anklage gegen Winterkorn kann da erzieherisch wirken.

dpa, afp, mke

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