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Fahrt in eine ungewisse Zukunft: Die Auslastung in der Transportbranche ist „katastrophal schlecht“, warnen Spediteurs-Verbände und rechnen bundesweit mit bis zu 50 000 Arbeitsplatzverlusten in diesem Jahr.

LKW-Transporte

Das Massensterben der Brummis

München/Forstinning – Wirtschaftskrise, schlechte Auftragslage, Maut–erhöhung, schwankender Dieselpreis, knausrige Kunden und Banken – der Transportbranche droht ein Kollaps, warnen deren Verbände. Bis zu 800 Unternehmen in Bayern stehen vor dem Aus. Der Mittelständler Hörndl aus Forstinning will dagegenhalten.

Je stärker die Industrie ihre Produktion zurückfährt, desto weniger Güter gibt es zu transportieren. Transportmittel Nummer eins sind Lastwagen, die aufs Jahr gerechnet viermal so viel bewegen, wie etwa die Bahn. Jetzt, in Zeiten der Rezession und Kurzarbeit, bleiben Aufträge aus und viele Lkw leer. Die Brummis stehen still und die Transportbranche steht vor einer Insolvenzwelle.

Die Auslastung der Betriebe ist „katastrophal schlecht“, sagt Sebastian Lechner, Hauptgeschäftsführer des Landesverbands Bayerischer Transport- und Logistikunternehmen (LBT). Vor allem im Automobilbereich gehe so gut wie gar nichts mehr. „Teilweise stehen ganze Flotten still.“ „Die Geschäfte gehen deutlich zurück“, bestätigt Transportunternehmer Hubert Hörndl aus Forstinning (Landkreis Ebersberg). Der Mittelständler führt den Familienbetrieb in dritter Generation, doch so schlimm wie jetzt, sei es noch nie gewesen. Für Hörndl sind derzeit 149 Fahrzeuge und 260 Fahrer unterwegs – noch. „Auch wir werden um Ausstellungen oder Kurzarbeit nicht herumkommen.“ Bundesweit plant jedes vierte Transportunternehmen bis Ende März einen Abbau des Fahrpersonals, berichtet der Bundesverband Güterkraftverkehr, Logistik und Entsorgung (BGL).

Bei vielen reicht das nicht mehr aus. Allein im Januar haben dem LBT zufolge über 20 Betriebe in Bayern komplett aufgegeben. Bundesweit rechnen die Verbände mit dem Aus von bis zu 5000 Betrieben, damit würden zwischen 40 000 und 50 000 Menschen ihren Arbeitsplatz verlieren. Von den insgesamt rund 7000 bayerischen Betrieben werden in diesem Jahr bis zu 800 ihre Türen schließen, schätzt LBT-Chef Sebastian Lechner. „Wir erleben ein Massensterben. Da wird sich das erste Halbjahr über nichts ändern.“

Neben der niedrigen Auslastung wanken branchenübliche Finanzierungskonzepte. „Ein wesentliches Refinanzierungsinstrument ist weggebrochen“, sagt LBT-Chef Lechner: der Verkauf bzw. Rückkauf des gebrauchten Lkw. Der Gebrauchtwagenmarkt für Nutzfahrzeuge ist überschwemmt, gleichzeitig finden sich kaum noch Abnehmer. Statt an die 35 000 Euro ist ein vier bis fünf Jahre alter Lkw der Schadstoffklasse 3 – damit ist über die Hälfte der Brummifahrer in Deutschland unterwegs – derzeit nur mehr rund 10 000 Euro wert. „Deshalb verlangen die Banken zusätzliche Sicherheiten, um etwa einen Kredit zu bewilligen“, sagt Lechner. Das stellt viele Betriebe, die durch den enormen Preissprung beim Diesel im vergangenen Jahr bereits ausgeblutet seien, vor große Probleme.

Eine zusätzliche Last ist die Ende 2008 vom Bundesrat beschlossene Mauterhöhung. Vom 1. Januar stieg damit die Lkw-Maut je nach Schadstoffklasse zwischen 40 und 90 Prozent und der Branche steht eine Mehrbelastung von rund 1,5 Milliarden Euro in diesem Jahr bevor, rechnet der LBT-Chef. Dieser Beschluss sei „kaltschnäuzig“ getroffen worden. Lechner hält es daher für angebracht, ihn für 2009 auszusetzen.

„Die Mautanpassung bleibt“, heißt es dazu auf Nachfrage aus dem Bundesverkehrsministerium. Die Verbände seien in den Entscheidungsprozess mit eingebunden gewesen und hätten Zeit genug gehabt, sich darauf einzustellen. Die Kritik der Brummifahrer hält man in Berlin für unangebracht, zumal die Maut nur einen geringen Anteil an den Gesamtkosten trage.

Den Rat, die Mehrkosten an die Kunden abzugeben, hält Betriebschef Hörndl für nicht umsetzbar. „Es herrscht ein Preiskampf in der Transportbranche“, sagt er. Viele Unternehmer seien derzeit bereit, Fahrten für einen geringeren Preis anzubieten, um überhaupt an Aufträge zu kommen. Und das wüssten auch die Kunden.

Hörndl sieht sich dennoch für die Krisenzeit gewappnet: „Unser Vorteil ist, dass wir unsere kaufmännischen Hausaufgaben gemacht haben“, sagt er. „Das ist eine Steckenpferd von mir. Aber wer jetzt nicht top aufgestellt ist, hat keine Chance.“

von Stefanie Backs

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