Mautstart in Bayern: Die Ruhe vor dem Sturm

- Kiefersfelden - Die Schlange vor dem tristen Container, den ein großes weißes Transparent als Lkw-Mautstelle ausweist, ist lang. Hier an der ehemaligen Zollanlage Kiefersfelden müssen Menschen zwischen grauen Bergen, grauem Asphalt und noch grauerem Schneematsch lange in eisigem Regen ausharren. Sie werden langsam ungeduldig und fangen an zu schimpfen - aber einfach wieder gehen können sie nicht. Sie müssen warten. Doch nicht etwa, um die Maut für ihren Lkw zu bezahlen. Sie wollen auf die Toilette, und das kann dauern, wenn sich eine ganze Busladung zwei klapprige Mietklos aus Plastik teilen muss. Für die Maut-Terminals interessiert sich niemand.

<P>Die Lkw-Fahrer, die jetzt am Sonntagvormittag schon da sind, dürfen wegen des Fahrverbots erst um 22 Uhr weiter und schlafen in ihren Führerhäusern. Nur ein paar Laster mit leicht verderblicher Ladung, die trotz des Verbots fahren dürfen, rauschen am Maut-Container und der Toiletten-Warte-Schlange vorbei. Sie sind offenbar mit einer "On Board Unit" (OBU) ausgerüstet, mit dem die Mautgebühr automatisch abgerechnet wird. Das erspart den Fahrern die Bezahlung am Automaten. Wer doch hält, will nur Pause machen.<BR><BR>So auch Franco Pizzingrilli, ein Mann mit dunkler Sonnenbrille und freundlichem Grinsen, der in seinem Tanklaster Milch aus der Gegend um Bozen geladen hat. Die "On Board Unit" seines Lkws hat er zwar noch nie benutzt, aber der Italiener, der etwas Deutsch spricht, ist optimistisch: "Ich glaube, es funktioniert."<BR><BR>Zufrieden ist Pizzingrilli mit dem Maut-Apparat dennoch nicht. "Überall in Italien und Österreich sind es so kleine Kästen", erklärt er und deutet auf zwei etwa zigarettenschachtelgroße Geräte, die an der Innenseite seiner Windschutzscheibe befestigt sind. "In Deutschland muss man sich für 300 Euro ein Riesengerät einbauen lassen", schimpft er und deutet in verschiedene Ecken seines Führerhauses.<BR><BR>"Die, die am Terminal einbuchen müssen, werden große Probleme haben"<BR>Ein Lkw-Fahrer aus Österreich</P><P>Den umständlichen Einbau der OBU bemängelt auch ein österreichischer Fahrer, der für eine Kufsteiner Spedition fährt. Seinen Namen will er nicht nennen, weil er ohne seinen Chef normalerweise eigentlich gar nichts sagt. "Die österreichischen Maut-Dinger kann man bei uns an jedem Kiosk kaufen", erzürnt er sich dann aber doch. Gelaufen ist sein Gerät im Probebetrieb allerdings einwandfrei - und so ist er dann doch froh, dass er überhaupt eins hat. "Die, die am Terminal einbuchen müssen, werden große Probleme haben", vermutet der Möbelfahrer. "Es ist sehr kompliziert."<BR><BR>Diese Befürchtung teilt offensichtlich auch Toll Collect, die Firma, die das Mautsystem entwickelt hat. Denn beim nachmittäglichen Schichtwechsel im Container werden die zwei Mitarbeiter der Frühschicht durch sechs Kollegen ersetzt, die den Lasterfahrern an den Automaten zur Seite stehen sollen. Ab etwa 21 Uhr erwarten sie einen gesteigerten Andrang, weil die Lkws dann bald wieder auf die Straße dürfen.<BR><BR>Der Erste, der sich - nach Stunden ohne einen einzigen Kunden im Maut-Container - mutig der Komplexität des Buchungs-Terminals stellt, ist Arenzo Frinconi. Er ist Italiener und Milchfahrer wie Franco Pizzingrilli, der seinen Kollegen begleitet, um ihm am Automaten beizustehen. Zuschauen darf dabei nicht jeder. Toll Collect will keine Presse im Container, was angesichts der recht hilflos dreinblickenden Italiener am Terminal wenig verwundert. Pizzingrilli und Frinconi haben Probleme, die Anweisungen des Geräts zu verstehen, auf dessen Bildschirm man Deutsch, Englisch, Französisch und Polnisch wählen kann, nicht aber Italienisch.<BR><BR>"Wenn ich nicht dabei gewesen wäre, hätte er keine Chance gehabt", meint Pizzingrilli über seinen Kollegen, als beide wieder im Freien sind. Zehn Minuten haben sie am Terminal gebraucht. Eine lange Zeit - wenn die Automaten kurz vor Ende des Fahrverbots so begehrt sein sollten wie jetzt schon die Toiletten.</P><P><BR> </P>

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