Mehdorn droht: Bahn-Fahrer sollen Lok-Abschluss bezahlen

Berlin ­ - Das Aufatmen nach dem Durchbruch im Tarifstreit zwischen Lokführer und Bahn währte nur kurz. Bahn-Chef Hartmut Mehdorn empfindet den Abschluss als kostspielige Niederlage und droht deswegen mit Jobabbau und teureren Tickets.

Hartmut Mehdorn konnte seinen Groll nicht verbergen. Der Tarifabschluss, der sich jetzt mit der Gewerkschaft Deutscher Lokomotivführer (GDL) abzeichnet, sei "keineswegs ein Sieg der Vernunft", konstatierte er beim Neujahrsempfang in einem Berliner Lokal gegenüber dem Kanzleramt. Die Bilanz der Tarifrunde, zu der auch der Abschluss mit den Gewerkschaften Transnet und GDBA im Juli 2007 gehört, bringe eine Zusatzbelastung "in Milliardenhöhe". Die müsse ausgeglichen werden. Und "das wird Konsequenzen für Arbeitsplätze und Standorte haben, das wird auch Konsequenzen für unsere Preise haben", lautete das Fazit.

Mit Mehdorns Paukenschlag hatte zu diesem Zeitpunkt kaum jemand gerechnet. Denn noch ist "die Tinte nicht unter diesem Vertrag", wie Mehdorn mit Blick auf den am Wochenende gefundenen Kompromiss mit seinem Kontrahenten, GDL-Chef Manfred Schell, sagte. Vorerst sind nur Eckpunkte vereinbart, und die Tarifeinigung ist noch gar nicht endgültig unter Dach und Fach. Trotzdem stürmt Mehdorn jetzt nach vorn, wie ein angeschlagener Boxer, der harte Treffer einstecken musste. Seine Zustimmung zur Tarifeinigung im Angesicht drohender neuer Streiks sei "eine Niederlage" gewesen, räumte der Manager unumwunden ein.

Getroffen hat ihn nicht nur die GDL, die für die Lokführer elf Prozent Einkommenserhöhung in diesem Jahr erstritten hat. Teuerer kommen die Bahn noch der mit Transnet und GDBA im Juli vereinbarte Einkommensabschluss und eine neue Entgeltstruktur für die Mitarbeiter zu stehen (siehe Kasten). Doch die Verantwortung für die nun geplanten harten Schnitte wies der erzürnte Bahnchef vor allem der Lokführergewerkschaft zu.

Mehdorn ließ durchblicken, dass er sich nach dem zehnmonatigen Kampf aus schierer Schadensbegrenzung zu einer Einigung gedrängt fühlte, die "weit über das wirtschaftlich vertretbare Maß hinaus" gehe. "Einige nehmen auch für sich in Anspruch, zur Beendigung dieses Arbeitskampfes beigetragen zu haben", sagte er. Und fügte, ohne Namen zu nennen, hinzu: "Denjenigen muss jedoch auch klar sein, was dieser Abschluss für Konsequenzen haben muss."

Mehdorn und Schell hatten ihre Verständigung am Samstag bei Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) besiegelt. Tags darauf verkündeten die GDL und Tiefensee den ersehnten Durchbruch, Mehdorn aber schwieg ­ bis jetzt.

Gestern erntete er einen Sturm der Empörung für seine Ankündigungen. Eine Frechheit sei die Ansage für erneute Preiserhöhungen, wetterte der Verkehrsclub Deutschland, und reihenweise stimmten Politiker ein. Denn die jüngste Anhebung der Ticketpreise um durchschnittlich 2,9 Prozent datiert vom 9. Dezember. Verkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) warnte, für ein "wirtschaftlich so starkes Unternehmen" wie die Bahn gebe es keinen Grund, "sofort mit der Entlassung von Beschäftigten und der Verlagerung von Arbeitsplätzen zu drohen oder gar den Beschäftigungspakt aufzukündigen".

Ein Jobabbau dürfte dem Bahnchef in dem gesundgeschrumpften Unternehmen zudem nicht leichtfallen. Bis Ende 2010 gilt ein Verbot betriebsbedingter Kündigungen. Sollte die Bahn diesen 2007 erneuerten Pakt kündigen ­ was Mehdorn vorerst nur vage in Erwägung zieht ­, würden "passende Antworten gefunden", drohten Transnet und GDBA. Es sei verantwortungslos, mit den Ängsten der Beschäftigten zu spielen nach dem Motto "Wenn du mehr Geld willst, wirst du deinen Job los".

Die Lokführer könnten beim Stellenabbau womöglich glimpflich davonkommen. Denn die Bahn sucht derzeit dringend Lokführer wegen des wachsenden Verkehrs mit Personen und Gütern. Seit dem Herbst läuft eine Sonderaktion, mit der 1000 neue Lokführer gesucht werden.

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