Je mehr Frauen, desto geringer das Gehalt

Brüssel/München - Gleichberechtigung wird großgeschrieben, doch spätestens auf dem Gehaltszettel wird deutlich: Frauen verdienen immer noch weniger als ihre männlichen Kollegen. Im Europa-Vergleich ist in kaum einem anderen Land das Lohngefälle so groß wie in Deutschland.

 ­ Nur auf Zypern, in der Slowakei und in Estland ist die Kluft zwischen dem Verdienst der Männer und dem der Frauen noch größer. Im Schnitt verdienen Frauen in Deutschland 22 Prozent in der Stunde weniger ­ der EU-Schnitt liegt bei 15 Prozent.

"Mädchen erreichen in der Schule bessere Ergebnisse als Buben und mehr Frauen als Männer haben beim Eintritt in den Arbeitsmarkt einen Hochschulabschluss vorzuweisen, aber es besteht weiterhin ein Lohngefälle. Diese absurde Situation muss sich ändern", sagte der EU-Sozialkommissar Vladimir Spidla gestern in Brüssel.

Als einen wesentlichen Grund dafür macht die EU-Kommission aus, dass sehr viel mehr Frauen als Männer teilzeitbeschäftigt sind und familienbedingt mehr "Brüche in ihrer Berufslaufbahn" aufweisen. Es könne nicht sein, dass eine Frau, "die bis zum 35. Lebensjahr zwei Mal eine Auszeit von acht Monaten für die Kindererziehung genommen hat, die Folgen noch 25 Jahre später zu spüren bekommt", sagte Spidla.

Neben der einseitigen Belastung der Frauen durch Haushalt und Familie kritisierte der Sozialkommissar auch die in vielen Unternehmen üblichen Gehaltssteigerungen nach Dienstalter: "Alle Senioritätssysteme sind eigentlich negativ für Frauen."

Ein weiteres Problem stellt nach Auffassung Spidlas die "indirekte Diskriminierung" typischer Frauenberufe dar. "Wie kann es sein, dass eine Supermarktkassiererin weniger verdient als ihr Kollege, der im Lager arbeitet?", fragte der Sozialkommissar. Auch dass Krankenschwestern in vielen Ländern schlechter bezahlt würden als Polizisten, sei sachlich unbegründet: Vom Ausbildungsniveau vergleichbare Tätigkeiten müssten auch gleich bezahlt werden, forderte Spidla.

"Die Ergebnisse sind ein Skandal", empörte sich die stellvertretende Bundesvorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Annelie Buntenbach gegenüber unserer Zeitung. Die Lohnschere öffne sich immer mehr und "Frauen sind eindeutig die Verlierer dieser Lohnspaltung". Als Grund für die niedrigeren Einkommen für Frauen verweist DGB-Vize Buntenbach auf den Niedriglohnsektor. Hier sei der Frauen-Anteil besonders hoch.

"Frauen konzentrieren sich auf bestimmte Sektoren des Arbeitsmarkts, die in der Regel schlechter bezahlt werden", sagte EU-Kommissar Spidla. Allerdings scheint hier eine Wechselwirkung zu bestehen: Komme es in einem ehemals männlich dominierten Sektor wie etwa dem Journalismus zu einer "Feminisierung, dann gehen die Löhne runter", konstatierte der Sozialkommissar.

"Die Politik muss dringend gegensteuern", sagte Buntenbach und fordert daher die Einführung eines flächendeckenden Mindestlohns von 7,50 Euro pro Stunde. "Davon würden gerade Frauen profitieren."

Spidla erwägt die Einführung eines generellen Vaterschaftsurlaubs. Das immer noch erhebliche Lohngefälle zwischen Männern und Frauen hänge stark mit der "ungleichen Verteilung der Pflichten in der Familie" zusammen, sagte der tschechische Kommissar. Die Idee eines allgemeinen Vaterschaftsurlaubs werde derzeit mit den europäischen Gewerkschaften und Arbeitgeberverbänden erörtert. Er wolle "nicht ausschließen, dass es einen Legislativvorschlag geben wird".

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