EU: Mehr Milch gegen steigende Preise

München - "Wir verfolgen die Preissteigerungen auf dem Milchmarkt genau, und wir reagieren mit den Mitteln, die uns zur Verfügung stehen", sagte Agrarkommissarin Mariann Fischer Boel der "Bild am Sonntag". Die Erhöhungen seien angesichts der allgemeinen Versorgungssituation in der EU nicht gerechtfertigt.

Tatsächlich mussten Verbraucher für Milch und Butter bereits in dieser Woche deutlich tiefer in die Tasche greifen. Für ein halbes Pfund Butter stiegen die Preise um bis zu 50 Prozent, wie eine Umfrage bei mehreren Lebensmittelkonzernen ergab. So kostete das günstigste Päckchen Butter in den zum größten deutschen Handelskonzern Metro gehörenden Real- und Extra-Märkten nicht mehr 0,79, sondern 1,19 Euro. Gleiches gilt auch für Filialen des Konkurrenten Edeka.

Auch für Milch mussten Kunden zuletzt mehr bezahlen: Nach Angaben von Sprechern der beiden Unternehmen stiegen die Preise für einen Liter bereits in den vergangenen Wochen um sieben Cent von 55 auf 62 Cent. Lediglich Joghurt wird noch ohne Aufschlag verkauft.

EU-Kommissarin Fischer Boel brachte eine Erhöhung der Milchquote ins Gespräch: "Das Quotensystem läuft 2015 aus. Wir werden prüfen, ob wir Übergangsregelungen brauchen." Diese Regelungen könnten etwa in einer Anhebung der Milchquote bestehen. Fischer Boel kündigte noch für dieses Jahr einen Marktbericht der EU-Kommission an, an dem sich die künftige Politik orientieren werde. Der scheidende bayerische Ministerpräsident Edmund Stoiber wertete die Preissteigerungen als Fall für das Kartellamt. Die großen Konzerne und die Zwischenhändler wollten wohl den großen Reibach machen. Da sei mit Sicherheit das Kartellamt gefordert. "Diesen Preisanstieg werden wir uns ganz genau anschauen", sagte Stoiber.

Auch die stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen im Bundestag, Bärbel Höhn, hält die Verteuerungswelle bei Milchprodukten für nicht gerechtfertigt. Es sei grundsätzlich richtig, über die im EU-weiten Vergleich sehr günstigen Lebensmittelpreise in Deutschland zu reden, sagte Höhn im "Deutschlandradio Kultur".

Der Vorsitzende des Bundesverbands der Verbraucherzentralen, Gerd Billen, erneuerte in der "Rheinischen Post" seine Forderung nach einem Umdenken in der Energiepolitik: "Wir haben zum Teil unsinnige Förderungen. Es kann nicht sein, dass dies zu Lasten von qualitativ guten und günstigen Lebensmitteln geht." Billen sieht auf den Feldern eine Konkurrenz zwischen Lebensmitteln und nachwachsenden Rohstoffen zur Energiegewinnung. "Es ist hier finanziell zur Zeit viel lohnender, Getreide oder Mais für Biogas anzubauen, als es zum Backen oder als Futtermittel zu verwenden", sagte der oberste Verbraucherschützer.

Die Zentrale Markt- und Preisberichtstelle (ZMP) der Agrarwirtschaft hatte den Preissprung angekündigt. Auch die Preise für Brot und Backwaren sollen nach Branchenangaben in der nächsten Zeit steigen. Dagegen rechnet der Handel nicht mit einer breiten Teuerungswelle bei Lebensmitteln. Der Präsident des Hauptverbands des Deutschen Einzelhandels, Josef Sanktjohanser, hatte in der "Bild"-Zeitung am Freitag erklärt: "Preise steigen und fallen. Darauf reagieren die Verbraucher." So funktioniere der Markt.

Veränderte Konsumgewohnheiten der Chinesen haben immer mehr wirtschaftliche Auswirkungen auch auf Deutschland. Das hat der jüngste drastische Preissprung bei der Butter gezeigt. Auch wenn die EU-Länder noch immer die wichtigsten Handelspartner sind - allen voran die Niederlande, Italien und Frankreich ­, werden die Ausfuhren in Länder außerhalb der EU immer bedeutender. Sie stiegen nach vorläufigen Zahlen aus dem Bericht über den Deutschen Agraraußenhandel 2006 um fast ein Fünftel.

Exporte nach China legten nach den ersten Zahlen von 51,1 Millionen Euro 2005 auf 79,7 Millionen Euro im vergangenen Jahr zu. Doch es gibt eine ganze Reihe von Gründen, warum die Preise steigen.

- Die große Nachfrage nach Milch und Getreide in Asien.

- Ein knappes Angebot durch den Klimawandel.

- Die Bioenergie-Erzeugung.

Die starren Milchquoten in der EU könnten die Lebensmittelpreise in Deutschland nach Ansicht von Experten weiter steigen lassen. Gleichzeitig steigen die Kosten für Tierfutter, Diesel und Maschinen.

Das Bundesagrarministerium warnt davor, nur die Nachfrage in Asien als Grund für den Preissprung bei Milchprodukten zu sehen. "China und Indien spielen eine untergeordnete Rolle im Milchmarkt", sagte der Parlamentarische Agrarstaatssekretär Gerd Müller.

Bei den Bauern sind die steigenden Preise nicht angekommen. Denn Lieferverträge mit Molkereien haben längere Laufzeiten.

Ins Kreuzfeuer ist der Handel geraten. Der Bundesverband der Verbraucherzentralen hat bereits Parallelen gezogen zu Spriterhöhungen jeweils zum Ferienbeginn. Wenn nun auch Brot und Bier nach Einschätzung des Bäckerhandwerks und der deutschen Brauer teurer werden sollen, könnte dies vielleicht ein kleiner Trost für die Bundesbürger sein: Der Preis für Reis soll - bisher - nicht steigen.

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