Mehrwertsteuer: Der Kunde zahlt

- München ­- Das Wort "Preiserhöhung" meiden Einzelhändler derzeit wie der Teufel das Weihwasser. Doch am 1. Januar tritt die bisher größte Mehrwertsteuer-Erhöhung in Deutschland in Kraft. Zwar wollen viele Händler Einkaufspreise bei Zulieferern drücken und Verbrauchern die drei zusätzlichen Prozentpunkte ersparen. Doch die Wirklichkeit sieht anders aus.

Es sei eine Illusion, wenn Unternehmen behaupteten, die höhere Mehrwertsteuer den Kunden schenken zu wollen, meint der Chef der Drogeriekette dm, Götz Werner. Und Konkurrent Rossmann geht davon aus, dass die Preise durch die Steuererhöhung im Schnitt über das ganze Sortiment um etwa 1,8 Prozent steigen werden.

"Es wird keinen scharfen Schnitt zum 1. Januar geben", sagt der Geschäftsführer beim Hauptverband des Deutschen Einzelhandels (HDE), Hubertus Pellengahr. Langfristig werde die höhere Steuer "auf jeden Fall" weitergegeben. Diese Erfahrung hat auch Rudolf Zwiener vom Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) gemacht. "Nach zwei bis drei Jahren ist von einer Vollüberwälzung in den Preisen auszugehen."

Während Ikea einräumt, die höhere Mehrwertsteuer mit einem Monat Verzögerung am 1. Februar an die Kunden weiterzugeben, werben die Discounter Aldi, Lidl und Plus mit Preisgarantien, ohne eine genaue Zeitspanne zu nennen. Doch ein Großteil ihres Sortiments ist ohnehin nicht von der Erhöhung betroffen, da für Lebensmittel der ermäßigte Satz von sieben Prozent gilt. Nach Erhebungen des Kölner Informationsdienstes Preiszeiger sind rund 50 Artikel im Sortiment von Aldi Nord vor der Werbe-Kampagne teurer geworden.

Bei manchen Discountern seien vor allem bei Kosmetikartikeln ­ etwa Cremes und Haarpflegemittel ­ vorgezogene Preiserhöhungen verzeichnet worden, berichtete Preiszeiger-Geschäftsführer Andreas Breitbart. Höhere Preise hat auch das Statistische Bundesamt registriert ­ etwa bei Zahnpasta und Spülmitteln. Die Statistiker wollen aber nicht von einem "eindeutigen Trend für den ganzen Bereich" sprechen.

Verbraucherschützer warnen vor unüberlegten Vorzieh-Käufen. So seien etwa beim Autokauf ohnehin Rabatte von weit mehr als den derzeit 16 Prozent Mehrwertsteuer drin. "Feilschen ohne Ende", rät der Geschäftsführer der Verbraucherzentrale Hamburg, Günter Hörmann. Doch nach einer Studie des Nürnberger Marktforschers GfK versuchen viele Deutsche zu sparen und ziehen Käufe vor. Jeder fünfte Verbraucher habe bereits größere Anschaffungen vorverlegt, weitere elf Prozent planten dies noch bis Jahresende. Die Einzelhändler sehen unterdessen wegen des starken Wettbewerbs derzeit kaum die Möglichkeit, höhere Preise durchzusetzen. Deshalb werden die Konkurrenten aufmerksam beäugt. Doch mit Blick etwa auf die hohe Innovationsrate bei der Elektronik oder schnell wechselnden Kollektionen im Textileinzelhandel dürfte die Steuererhöhung schon bald schleichend auf den Preisschildern Einzug halten.

Schwierigkeiten sehen Versandhändler auf sich zukommen. "Wir haben sehr viele Durchlaufartikel in den Katalogen", erklärt Dorothee Hoffmann vom Bundesverband des Deutschen Versandhandels. Diese würden von den Kunden über mehrere Jahre hinweg beobachtet. "Der Kunde ist nicht bereit, höhere Preise zu zahlen." Die jetzigen Katalog-Preise gelten über den 1. Januar 2007 hinaus, sodass die Versandhändler zumindest auf einem Teil der höheren Mehrwertsteuer zunächst sitzen bleiben dürften.

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