Mein Freund, die Heuschrecke

München - Finanzinvestoren gelten gemeinhin als Geier, die über Unternehmen herfallen und sie skrupellos ausweiden. Doch gar nicht selten maximieren die gefürchteten Firmenkäufer nicht nur den eigenen Profit, sondern schaffen nebenbei noch Jobs und Zukunftsperspektiven. Ein Beispiel dafür ist das Unternehmen ATU.

Man könnte es Karsten Engel nicht verdenken, würde er einmal den Überblick über sein Imperium verlieren. Tut er natürlich nicht ­ obwohl sich das Unternehmen aus Weiden, das der 48-Jährige seit zwei Jahren lenkt, im Rekordtempo vergrößert. Unermüdlich lässt der Geschäftsführer am Filialnetz von Autoteile Unger weben, beinahe wöchentlich kommt eine Niederlassung dazu.

An die 600 in den rot-weißen Firmenfarben gehaltene Meisterwerkstätten mit integriertem Kfz-Fachmarkt gibt es schon. Die meisten davon im deutschen Heimatmarkt und Österreich, doch in den vergangenen Monaten ist Engel mit ATU auch in die Nachbarländer eingerückt. Seitdem wechseln Mitarbeiter auch in Tschechien, den Niederlanden, Italien und der Schweiz Kupplungen aus und verkaufen Fußmatten.

1000 Filialen bis 2013

"Wir haben, seit ich dabei bin, allein in Deutschland weit über 1000 neue Arbeitsplätze geschaffen", betont der ATU-Chef nicht ohne Stolz. 14 000 sind es insgesamt, aber satt ist Engel noch lange nicht. Ziel ist es, erklärt er in Gesprächen gern, bis zum Jahresende 2013 die 1000. Filiale aufzumachen.

Unterstützt wird der frühere Leiter der Münchner BMW-Niederlassung von jemanden, der in der Öffentlichkeit nicht gerade mit Jobaufbau und prosperierenden Unternehmen in Verbindung steht. Genau genommen handelt es sich sogar um jemanden, der ­ wird er überhaupt wahrgenommen ­ in einem diffusen, kalten Licht dasteht. Es ist die US-Beteiligungsgesellschaft KKR, kurz für die Familiennamen der Gründer Jerome Kohlberg, Henry Kravis und George Roberts.

Für derlei Finanzinvestoren hatte Vize-Kanzler Franz Müntefering einst die Bezeichnung "Heuschrecke" geprägt. Den Plagetieren gleich würden sie über kleine und mittelständische Firmen herfallen, schimpfte der SPD-Politiker, diese dann zerteilen, den wertlosen Teil ohne Rücksicht auf die Belegschaft fallen lassen und die Filets weiterverscherbeln. Seither ist das Image der Private-Equity-Branche (siehe Kasten) im Eimer.

Nicht zu Unrecht. Zum einen gingen die Milliarden-Jongleure in manchen Fällen tatsächlich ruppig zu Werke. Für Aufsehen sorgte beispielsweise vor kurzem die Schlammschlacht beim  Fotodienstleister Cewe Color, dem Investoren eine neunstellige Sonderdividende abpressen wollten. Zum anderen hielten es die Gesellschaften nicht für nötig, ihre Außenwahrnehmung aufzupolieren. George Roberts, das R von KKR, sagte kürzlich : "Ich glaube, unsere Branche hat in puncto Öffentlichkeitsarbeit Nachholbedarf."

Denn tatsächlich gibt es Erfolgsgeschichten aus dem Jagdrevier der Heuschrecken zu erzählen. Zu einer davon könnte sich der Einstieg von KKR bei Autoteile Unger Mitte 2004 entwickeln.

Ziel: Mehr Wert

Gut 1,4 Milliarden Euro bezahlten die Amerikaner damals für die Werkstattkette, die im Jahr 1985 der Oberpfälzer Peter Unger gegründet hatte. Seitdem verfolgt die Investorengruppe wie bei jedem ihrer Projekte ein Ziel: Den Wert des Unternehmens so zu steigern, dass bei einem Weiterverkauf in ein paar Jahren eine satte Rendite hängen bleibt.

Dank der strammen Expansionsstrategie, die KKR dem Auto-Filialisten verpasst hat, geht es Schritt für Schritt voran ­ ohne dass die Mitarbeiter leiden müssen. Im Gegenteil, das Unternehmen entwickelt sich prächtig. Zumal ATU in Absprache mit der Investoren-Truppe nicht nur in neue Länder vorstößt, sondern auch neue Geschäftsfelder entdeckt. So betreut die Firma mittlerweile die Fahrzeugflotten vom ADAC oder der Post. Der Umsatz schwoll nicht zuletzt dadurch auf 1,4 Milliarden Euro im letzten Jahr an.

"Wir sind ein Private-Equity-Musterbeispiel", jubelt Karsten Engel, den KKR von BMW abwarb. Dass das flaue Wintergeschäft und die Kosten für den Expansionskurs den Gewinn um zehn Prozent auf 160 Millionen Euro schmälerten, hält er für verkraftbar. "Wir wissen, dass die Expansion Geld kostet", sagt der Firmenchef, "aber nur so sichern wir unsere Zukunft."

Mit den Heuschrecken im ATU-Aufsichtsrat hat er kein Problem. "Wir arbeiten vertrauensvoll und professionell zusammen", heißt es nüchtern. Dabei schätzt Engel besonders, dass er das Wissens-Reservoir des weltgrößten Private-Equity-Hauses anzapfen kann. Das neue Warenwirtschaftssystem etwa richtete ein Berater aus dem KKR-Umfeld ein. Das habe "viel Knowhow gebracht und Geld gespart", sagt Engel. Von einem hohen zweistelligen Millionenbetrag ist die Rede.

Der Abschied naht

Doch so gut die Partnerschaft zwischen Belegschaft und Management auf der einen und Eigentümern auf der anderen Seite funktionieren mag: Sie ist nicht von Dauer. Die meisten Finanzinvestoren nehmen nach vier bis sieben Jahren wieder Abschied. Dann werden die Beteiligungen weiterverkauft oder an die Börse gebracht, wie das KKR zuletzt beim Triebwerkebauer MTU oder dem Kranhersteller Demag Cranes getan hat.

Bei ATU wird bis dahin noch Zeit verstreichen. Karsten Engel spricht vom "längerfristigen Investmenthorizont" von KKR und weist Gerüchte über einen baldigen Parkettgang zurück: "Wir werden mit Sicherheit nicht dieses Jahr an die Börse gehen." Womöglich aber im kommenden, wie Beobachter munkeln.

Die Zeichen stehen gut, dass ATU dann endgültig als gutes Beispiel in die Heuschrecken-Annalen eingehen wird. Ein Makel wird jedoch mit dem Schuldenberg zurückbleiben, der sich auf 700 Millionen Euro auftürmt. Denn Finanzinvestoren bezahlen ihre Übernahmen zu einem signifikanten Anteil mit Krediten, die sie dann auf die Firmen abwälzen. Doch Karsten Engel schreckt das nicht: Bei der Tilgung liege man über Plan. Und das dürfte so bleiben, zumal er für 2007 mit einem neuen Rekordumsatz rechnet.

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