Die Meister des guten Klangs

Penzberg - Musiker aus aller Welt schätzen den Penzberger Handwerksbetrieb von Horst Grünert. In seiner Werkstatt entstehen Kontrabässe und Celli der Spitzenklasse und werden historische Instrumente restauriert.

Zuerst ist da ein riesiger Baumstamm, über dreihundert Jahre alt, gerade gewachsen, aus hoher Lage - und stumm. Dass daraus einmal ein filigranes Instrument werden könnte, das unter den Händen eines Spitzenmusikers zu singen beginnt, ist schwer vorstellbar. Nicht so für Horst Grünert. "Ich höre dem Baum an, wie er klingen wird", sagt der 61-jährige Musikinstrumenten-Bauer und lacht gutmütig, als er dafür einen zweifelnden Blick erntet: "Aber fragen's nicht, wie viel Lehrgeld ich schon gezahlt habe," schiebt er zwinkernd hinterher.

Schließlich könne man in einen Baumstamm nicht hineinschauen. Faulstellen oder verwachsene Äste, die die Holzfaser und damit den Klang zerstören, seien von außen nicht zu sehen: "Das ist immer das große Risiko", ergänzt Wolfgang Suldinger, seit 30 Jahren Grünerts Mitarbeiter. Die beiden gelernten Geigenbauer kaufen keine zurechtgesägten Tonhölzer. "Wir kaufen die Bäume und machen dann alles selbst", betont Grünert.

Auf Versteigerungen wird das Wertholz feilgeboten - zu horrenden Preisen. Die Furnierwerke seien die größten Konkurrenten und die zahlungsstärkeren. 12 000 Euro habe ein Werk einmal für den Festmeter (ein Kubikmeter fester Holzmasse) geboten, "das sind Preise, da können wir nicht mithalten", sagt der 61-Jährige.

Weil er sich auf die großen Streichinstrumente Kontrabass und Cello spezialisiert hat, braucht er optimal gewachsene Stämme mit mindestens einem Meter Durchmesser, die sind selten. Zwischen 2000 und 8000 Euro liegen hier je nach Qualität die üblichen Preise pro Festmeter. Und es kann durchaus passieren, dass er aus einem ganzen Stamm mit mehreren Festmetern nur ein Instrument fertigen kann.

Die Suche nach dem optimalen Holz ist eine Lebensaufgabe für Horst Grünert: "Mein ganzes Leben bin ich schon auf der Suche, und nicht in den Urlaub gefahren, um Geld zu sparen." Vor rund zwei Jahren sei er auf einen Baum von "phänomenaler Qualität" gestoßen, "so etwas habe ich seit 20 Jahren nicht mehr gesehen". Ob sich die 3000 Euro, die er pro Festmeter gezahlt hat, gelohnt haben, weiß er aber erst in frühestens zehn Jahren.

In der abseits gelegenen Penzberger Werkstatt gelten andere Zeitdimensionen: Die Klanghölzer müssen bis zu 20 Jahre in Ruhe lagern, bevor sie in Form gesägt, geschnitzt und gehobelt werden können. Auch die pechschwarzen Ebenhölzer aus Afrika und Indien müssen zwei Jahrzehnte warten, ehe sie Grünert und Suldinger zu Griffbrettern verarbeiten. "Erklären Sie mal einem Bankangestellten, dass sich Ihr Lager nicht wie üblich sechs bis sieben Mal im Jahr dreht, sondern nur einmal in 20 Jahren", meint der Handwerker und seufzt: "Wir passen nicht ins Schema."

Auch die Produktionszeit für ein neues Instrument ganz nach den Klangvorstellungen des Musikers ist mit einem Jahr ungewöhnlich langwierig, die Kosten mit rund 20 000 Euro ungewöhnlich hoch und die "Haltbarkeit" mit 300 Jahren ungewöhnlich lang.

Dabei kann es bei den beiden Handwerkern durchaus hektisch zugehen. Wenn etwa die Wiener Symphoniker leicht panisch bei Horst Grüner anrufen, weil sich sämtliche Kontrabässe auf der Reise von Japan nach Österreich den Hals gebrochen haben und am nächsten Tag ein Konzert ansteht. Dann kommen die Leih-Instrumente zum Einsatz und die beiden Geigenbauer müssen auf Reisen. "Wir sind jedes Jahr fünf bis sechs Monate unterwegs", sagt Suldinger. Bis nach Australien, Südamerika und China führen sie ihre "Wartungs-Aufträge" - ein Instrumenten-Händler könne solch einen Service nicht leisten.

"Wir haben uns hochspezialisert und einen Namen geschaffen", erklärt Horst Grünert, für den der Beruf mehr Berufung ist und der den Betrieb nach dem Tod seines Vaters übernommen hat. Billig-Instrumente aus China, die es für etwa 2000 Euro zu kaufen gibt, sind für die beiden keine wirkliche Konkurrenz. "Bei uns geht es um hundert Prozent Klang, nicht um hundert Prozent Ausbeute", macht der 61-Jährige den Unterschied deutlich. Nach "Schema F" laufe hier gar nichts.

"Die besten Lehrmeister sind alte Instrumente, die wir restaurieren", erklärt Wolfgang Suldinger. Da könne man sehen, mit welchen Tricks und Feinheiten die alten Geigenbauer gearbeitet hätten. Natürlich gebe es auch Standard-Bauanleitungen, aber die kommen in Penzberg nicht zum Einsatz. "Bei uns geht nichts nach Plan", sagt Grünert und lacht, "wir lesen das Holz." Der Baum bestimmt demnach selbst, welches Instrument aus ihm wird - man muss ihm nur zuhören.

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