Mercedes-Attacke auf Sindelfingen: Jetzt wird ein Kompromiss gesucht

- Stuttgart - Für die einen ist es eine Krankheit, für andere ein Vorbild. Die heftige Anti-Gewerkschafts-Attacke des sonst eher konzilianten Mercedes-Chefs Jürgen Hubbert, der "baden-württembergische Patient" müsse endlich genesen, sorgte im Südwesten für Verblüffung, stieß aber auch auf nachdenkliche Zustimmung. Dass manche Arbeitnehmer im Südwesten ungewöhnliche Privilegien besitzen, wird außerhalb der Gewerkschaften offenbar immer mehr als Sonderfall begriffen. Die IG Metall in Stuttgart allerdings meinte: "Es wäre schön, wenn alle Bundesländer so krank wären wie Baden-Württemberg."Stuttgarts Oberbürgermeister Wolfgang Schuster

<P>Das eigentliche Thema ist der Standort Deutschland</P><P>(CDU), der von einem möglichen Stellenabbau im Werk Untertürkheim betroffen wäre, sagte, er hoffe und wünsche, dass die Tarifparteien ihrer Verantwortung gerecht werden. Gleichzeitig machte Schuster deutlich, worum es seiner Ansicht nach bei der Diskussion um die geplanten Kostensenkungen beim Bau der neuen C-Klasse in den deutschen Mercedes-Werken wirklich geht: "Das eigentliche Thema ist der Standort Deutschland."<BR><BR>IHK-Präsident Günter Baumann, selber Chef eines Automobilzulieferers, spricht von einem Handicap gegenüber anderen Bundesländern und nennt als Musterbeispiel die "Steinkühler-Pause". Diese Fünf-Minuten-Pause am Ende jeder Arbeitsstunde wurde selbst von den Medien in den USA aufgegriffen - die "Detroit News" spricht vom "Luxus-Werk" in Sindelfingen, das im Brennpunkt der Auseinandersetzungen um geforderte Kosteneinsparungen von 500 Millionen Euro steht.<BR><BR>Otmar Zwiebelhofer, Chef des Arbeitgeberverbandes Südwestmetall, meint dazu: "Ein Kompromiss muss sein, sonst gibt es eine Katastrophe." Sein Seitenhieb ("Wir in Südbaden haben das ja nicht mitgemacht.") macht zugleich deutlich, dass es selbst innerhalb von Baden-Württemberg mehr oder weniger privilegierte Metallarbeiter gibt. Denn in Südbaden und im Bereich Hohenzollern wurde die Pause nie vereinbart.<BR><BR>So ist aus anderen Mercedes-Werken auch nicht nur Verständnis über die Aufregung in Sindelfingen zu hören. "Da geht es doch um den Abbau von Privilegien, nicht um Jobverlagerung", meinte ein Mitarbeiter in Rastatt. Auch wenn Konzernbetriebsratschef Erich Klemm die Solidarität der Standorte beschwört, hört man ähnliches aus dem Lkw-Werk im rheinland-pfälzischen Wörth.<BR><BR>Dass Baden-Württemberg jahrelang Vorreiter in Tarifverhandlungen war, hat nach Ansicht von Beobachtern mit dafür gesorgt, dass manche heute umstrittene Vereinbarung unterschrieben wurde. "Aber auch die Arbeitgeber haben davon profitiert, dafür haben wir bis heute einmalig niedrige Stückkosten", sagt der SPD-Fraktionsvorsitzende im Landtag, Wolfgang Drexler.<BR><BR>Bei den unmittelbar betroffenen Kommunen, in denen tausende Daimler-Mitarbeiter wohnen und einkaufen, schrillen unterdessen die Alarmglocken. Sindelfingens Oberbürgermeister Bernd Vöhringer betrachtet die Situation mit Sorge. "Wenn es soweit käme, wäre das dramatisch für uns. Aber wir hoffen, dass die jetzigen Auseinandersetzungen so etwas wie ein Tarifritual sind."<BR></P><P> </P>

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