Merck-Chef Scheuble geht

- Darmstadt - Rätselraten nach dem überraschenden Abgang von Merck-Chef Bernhard Scheuble: In Branchenkreisen hieß es am Mittwoch, der plötzliche Wechsel an der Führungsspitze des Darmstädter Pharmaund Spezialchemiekonzerns sei durch interne Querelen ausgelöst worden Gleichzeitig wurde über Differenzen für die künftige Strategie spekuliert. "Die Strategie und das Ergebnis stehen nicht zur Debatte", betonte ein Merck-Sprecher, ohne nähere Angaben zu den Hintergründen zu machen. Die Aktie von Merck verlor zeitweise mehr als fünf Prozent.

Das Unternehmen hatte am Dienstagabend mitgeteilt, dass Scheuble nach 24 Jahren Firmenzugehörigkeit "im gegenseitigen Einvernehmen" den Vorsitz der Geschäftsleitung abgegeben habe, den er seit Juli 2000 innehatte. Mit sofortiger Wirkung wurde sein bisheriger Stellvertreter Michael Römer zum Nachfolger ernannt. Römer habe sich in den 27 Jahren seiner Betriebszugehörigkeit "eine breite Vertrauensbasis innerhalb und außerhalb des Unternehmens geschaffen" und sei "ein Garant der Kontinuität", erklärte der Vorsitzende des Gesellschafterrates der E. Merck OHG, Frank Stangenberg-Haverkamp.

Einige Beobachter schließen aus dem überraschenden Führungswechsel, dass es persönliche Differenzen mit den Mehrheitsgesellschaftern des Familienunternehmens gegeben haben könnte. Merck ist zu rund 73 Prozent in Familienbesitz. Die Familie habe Scheubles Strategie mitgetragen, die Chemie zwischen den beiden Parteien hätte jedoch nicht mehr gestimmt, hieß es. "Es gibt Situationen wie in einer Ehe, wo man sich auseinander lebt", sagte ein Branchenkenner. Spekulationen, dass es zu einem Streit über einen möglichen Einstieg beim Bad Homburger Pharmakonzern ALTANA gekommen sei, wies ein Sprecher von Merck als "pure Spekulation" zurück.

In der Pharmasparte, die Scheuble in den letzten Jahren persönlich verantwortete, ist Merck hauptsächlich vom Erfolg des im Sommer 2004 eingeführten Krebsmedikaments Erbitux abhängig. Deshalb hatte das Unternehmen immer wieder Zukäufe geprüft. Dafür stehen nach Unternehmensangaben bis zu zwei Milliarden Euro zur Verfügung. Der Pharma-Analyst Alexander Groschke von der Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) sagte, dass Verstärkungen im Bereich patentgeschützter Medikamente vonnöten sind, weil dieser Bereich allein zu klein ist. Der Weggang von Scheuble sei ein negatives Signal. "Er hat ausgezeichnete Arbeit geleistet, umso unverständlicher ist sein plötzlicher Abgang", sagte Groschke.

Die Ablösung von Scheuble kommt gerade deshalb überraschend, weil das Geschäft von Merck derzeit gut läuft: Nach den jüngsten Quartalszahlen hatte Merck erst Ende Oktober seinen Ausblick für das Gesamtjahr angehoben. Dank Produkten wie dem Krebsmittel Erbitux und dem wichtigen Flüssigkristallgeschäft (LCD) "zeichnet sich für Merck ein weiteres sehr erfolgreiches Jahr ab", hatte Scheuble Ende Oktober angekündigt. Merck peilt für 2005 ein hohes prozentuales einstelliges Umsatzplus und beim operativen Ergebnis einen zweistelligen prozentualen Anstieg an.

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