Merkel und Manager fremdeln noch

- Berlin/München - Eine Frau an der Spitze des Kanzleramtes? An diesen Gedanken müssen sich die meisten deutschen Top-Manager erst noch gewöhnen. Die Chef-Etagen der wichtigsten Konzerne sind bis heute eine Männergesellschaft. Eine Vorsitzende gibt es in den Vorständen der 30 Dax-Konzerne nirgendwo. Alles in allem sitzen dort gerade einmal zwei Frauen. Trotzdem richtet sich die Wirtschaft darauf ein, dass es nach der Wahl am 18. September mit einiger Wahrscheinlichkeit eine Bundeskanzlerin Angela Merkel geben wird.

Die Umfragen, in denen die CDU/CSU die SPD mit weitem Abstand hinter sich lässt, werden in den Vorstandsbüros genau gelesen. Auch eine Studie des Wirtschaftsmagazins "Capital" wurde dort aufmerksam registriert. Bei der Befragung von 500 Führungskräften lag Merkel überraschend auch im Direktvergleich mit Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) vorn: 68 Prozent sprachen sich für die CDU-Vorsitzende aus; nur noch 27 Prozent gaben dem "Genossen der Bosse" den Vorzug.

Allerdings hat sich die Vorliebe der Manager für die Kandidatin erst in jüngster Zeit entwickelt. Bei einer ähnlichen Umfrage im Frühjahr schnitt Merkel noch viel schlechter ab. Mehr als die Hälfte der Befragten erklärten damals noch, ihr fehle fürs Kanzleramt das Format. Die Lieblings-CDUler der Wirtschaft waren Ministerpräsidenten mit Praxiserfahrung wie Christian Wulff oder Roland Koch. Mit der Physikerin aus dem Osten, die noch nie einen Arbeitstag in einem Privatunternehmen verbrachte, taten sich viele schwer.

Zumal die Wirtschaftsführer mit Schröder über die Jahre ganz gut zurechtgekommen sind. Der Kanzler genießt in ihren Reihen Respekt, weil er die Agenda 2010 gegen viel Widerstand durchgefochten hat. Außerdem waren die meisten Konzernchefs irgendwann einmal auf einer Auslandsreise dabei. Viele bekamen eine Einladung ins Kanzleramt, einige sogar zum Tennis-Match.

Inzwischen pflegt aber auch Merkel ihre Gesprächsrunden und hält mit einigen Top-Managern regelmäßig Kontakt. Zu ihrem Beziehungsgeflecht gehören Leute wie der Deutschland-Chef der Unternehmensberatung McKinsey, Jürgen Kluge, der Vorstandsvorsitzende der Winterthur-Versicherung, Leonhard Fischer oder der langjährige Siemens-Chef Heinrich von Pierer. Ins Wahlkampf-Team der Kandidatin wollte Pierer dann aber doch nicht.

Auch mit anderen Wirtschaftsführern kommt Merkel langsam ins Gespräch. Am Samstag wieder: Am Rande des CHIO-Reitturniers in Aachen trifft sie sich auch mit den neuen starken Männern von Daimler-Chrysler und Siemens, Dieter Zetsche und Klaus Kleinfeld.

Mit Wahl-Empfehlungen für den 18. September halten sich die Wirtschaftsführer grundsätzlich sehr zurück. Stattdessen werden mit größtmöglicher Neutralität weitere Reformen angemahnt. Beim Vorstandschef des Münchner Versicherungsriesen Allianz, Michael Diekmann, klingt das dann so: "Unsere Kontakte zu allen politischen Parteien stimmen mich relativ zuversichtlich, dass jede Machtkonstellation recht rasch Reformen vorantreiben wird."

"Es geht nicht nur darum, die richtige Medizin zu haben. Man muss auch wissen, was man damit tun soll."

Håkan Samuelsson

In den Umfragen wird die Präferenz der Manager aber deutlich. In der "Capital"-Befragung sprachen sich 61 Prozent für eine "echte politische Zäsur" aus. Groß ist die Hoffnung, dass sich bei einem Regierungswechsel auch die Konjunktur belebt. Bei den Konzernchefs gibt es aber auch Zweifel, ob eine Kanzlerin Merkel die Erwartungen erfüllen kann. Noch fremdelt die Wirtschaft mit der Kandidatin. Der Chef des Nutzfahrzeugkonzerns MAN, Håkan Samuelsson, meint: "Ob es die CDU besser kann als die SPD, müssen wir sehen. Es geht ja nicht nur darum, die richtige Medizin zu haben. Man muss auch wissen, was man damit tun soll."

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