Merkels Schachzug: Rochade mit Risiken

Toulouse - Der Machtpoker um die neue Führung bei EADS ist fürs Erste vorbei, und das Ergebnis von Bundeskanzlerin Angela Merkel kann sich sehen lassen: Sie hat den Chefposten für Airbus sowie im Verwaltungsrat an Land gezogen, besetzt werden sie von Thomas Enders sowie Rüdiger Grube. Frankreich stellt dafür mit Louis Gallois den ersten alleinigen Chef an der EADS-Spitze.

Die Kanzlerin beugte sich nicht dem vom französischen Präsidenten Nicolas Sarkozy favorisierten Modell, die Posten bei der Abschaffung der Doppelspitze umgekehrt zu besetzen, mit Gallois an der Airbus-Spitze, Enders bei EADS und dem Franzosen Arnaud Lagardère im Verwaltungsrat. In dem Fall wäre der Deutsche von den Franzosen eingeklemmt worden, fürchtete man in Berlin.

Nun sitzt Gallois bald "zwischen" Enders und dem deutschen Rüdiger Gruber an der Spitze des Verwaltungsrates. Dass sich Sarkozy auf Enders für den entscheidenden Airbus-Job einließ, scheint auf den ersten Blick überraschend. So hatte der Deutsche jüngst in Frankreich für Empörung gesorgt, als er die Regierung in Paris für die Millionenabfindung für Ex-EADS-Chef Noël Forgeard verantwortlich machte. Nicht auszuschließen, dass Sarkozy daher versuchen wird, Enders an die kurze Leine von Gallois legen zu lassen.

Die Einzelheiten über die künftigen Entscheidungsstrukturen müssen in den kommenden Wochen festgezurrt werden. Endgültig entschieden werden sie erst auf einer EADS-Hauptversammlung im Oktober. Außerdem betonte Sarkozy, Teil der Lösung sei die Einführung eines Rotationsprinzips, so dass sich nach fünf Jahren das deutsch-französische Personalkarussell in umgekehrte Richtung drehen wird. Merkel war da nicht so deutlich. "Wir fassen die Rotation ins Auge", hieß es bei ihr lediglich. Gallois bescheinigte der Kanzlerin, sie habe in den vergangenen Tagen "perfekt gespielt". Natürlich "ganz im Sinne der Aktionäre".

Es war Sarkozy, der nach seiner Wahl zum Präsidenten vor zwei Monaten enormen Druck gemacht hatte, die Doppelspitze von EADS abzuschaffen. In Berlin wollte man sich mehr Zeit nehmen und konnte daher höher pokern. Von beiden Seiten war am Montag in Toulouse der offizielle Jubel über die gefunde Lösung groß. Von einer "überraschenden, aber guten Entscheidung" sprach Enders, der vom EADS-Co-Vorsitzenden zum Airbus-Chef wird. Er strahlte besonders. Denn Airbus steuert mehr als zwei Drittel des Konzernumsatzes bei. "Zwei Jahre habe ich mich dafür warm gelaufen", sagte er unter Verweis auf seine Zeit an der EADS-Doppelspitze.

Der Eingriff in die behutsam austarierte Machtbalance bei dem Airbus-Mutterkonzern birgt indes enorme Risiken. Nicht zuletzt, weil EADS und sein Flugzeugbauer nach dem Chaos-Jahr 2006 endlich wieder in ruhiges Fahrwasser geraten waren. "Das wichtigste ist, dass jetzt Ruhe einkehrt", meinte daher Airbus-Sprecherin Barbara Kracht.

Enders übernimmt Airbus in einer Umbruchphase. Und die hatte Gallois mit Geschick und Standhaftigkeit eingeleitet, seit er vor neun Monaten das Steuerruder übernahm. Der Deutsche wird nun der fünfte Airbus-Chef in zwei Jahren, der dritte seit Juli 2006. Bei EADS ist er bislang für andere Bereiche zuständig.

Ob die beschlossene einfache Struktur notwendig ist, um die Effizienz zu steigern, halten nicht alle für erwiesen. "Es wird sich am deutsch-französischen Gerangel nichts ändern", fürchtet der Präsident des Airbus-Gesamtbetriebsrates Jean-François Knepper.

Auch bei EADS heißt es hinter vorgehaltener Hand, der eilige Durchbruch könne zunächst mehr Probleme schaffen als lösen. Denn die Umsetzung von "Power 8" ist in vollem Gang, die Verhandlungen mit Investoren für die zum Verkauf stehenden Airbus-Werke beginnen gerade. Ob die Harmonie bei EADS nicht aufs Neue gestört wird, hängt von der Zusammenarbeit von Enders und Gallois ab. "Wir sind eingespielt", beteuert Enders.

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