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Die Verhandlungen zwischen IG Metall und Arbeitgebern geht weiter.

Streikgefahr bei Metall-Tarifverhandlungen

Sindelfingen - Das war eine Marathonsitzung: Nach 16 Stunden Verhandlungen in der Nacht zwischen IG Metall und Arbeitgebern ist noch immer nicht klar, wohin die Reise geht. Ob ein Streik doch noch abzuwenden ist?

Im Tarifkonflikt der Metall- und Elektroindustrie starten IG Metall und Arbeitgeber an diesem Freitag einen neuen Anlauf, um den ersten groß angelegten Streik seit zehn Jahren zu verhindern. Die Tarifgespräche im möglichen Pilotbezirk Baden-Württemberg endeten am frühen Mittwochmorgen nach 18 Stunden Marathonverhandlung zwar ohne eine wegweisende Annäherung, wie IG-Metall-Bezirksleiter Jörg Hofmann erklärte.

Die Gewerkschaft ist aber bereit, die Verhandlungen fortzusetzen. Laut Mitteilung gab es Fortschritte bei den Themen unbefristete Übernahme der Ausgebildeten und Leiharbeit. Hofmann sagte nach einer Sitzung der Tarifkommission, es seien noch einige dicke Brocken aus dem Weg zu räumen. Details wurden nicht genannt. Die Gespräche am Freitag dürften bundesweite Signalwirkung für alle 3,6 Millionen Beschäftigten in Deutschlands Schlüsselbranche haben. Sollte es zu keiner Einigung kommen will die IG Metall das Scheitern der Gespräche erklären.

Hofmann warnte davor, die Annäherung so zu interpretieren, als wäre der Konflikt schon beigelegt. “Das ist nicht der Fall. Wir sind noch immer in einer Phase, an deren Ende womöglich doch noch über eine Urabstimmung und unbefristeten Arbeitskampf entschieden werden muss.“ Der Verhandlungsführer der Arbeitgeber, Rainer Dulger, sagte, in einigen wesentlichen Punkten seien Annäherungen erzielt worden - über Details hätten die beiden Seiten aber Stillschweigen vereinbart.

Knackpunkt bei den nächtlichen Gesprächen waren weiterhin die Themen unbefristete Azubi-Übernahme und Regelungen für die umstrittene Leiharbeit. Zu Diskussionen über die Entgeltforderungen sei es noch nicht gekommen. Die IG Metall will 6,5 Prozent mehr Geld. Die Arbeitgeber hatten drei Prozent für 14 Monate geboten und gehen davon aus, dass das Thema auch am Freitag auf der Agenda steht. Dulger meinte: “Auch hier sollte eine faire Lösung möglich sein.“ Dann könne ein Gesamtpaket geschnürt werden. Auch Hofmann betonte: “Wir haben neben den qualitativen Themen weiter vollkommen offen die Frage der Entwicklung der Entgelte.“

Die Gewerkschaft hatte wiederholt bekräftigt, dass in der inzwischen fünften Runde die Fronten brechen müssten, um das letzte Mittel Arbeitskampf noch abzuwenden. Zuletzt hatte es Urabstimmungen und tagelange Streiks im Jahr 2002 gegeben.

Aus Sicht des Arbeitgeberverbandes ist eine friedliche Einigung aber in “greifbare Nähe“ gerückt. Einen anderen Zungenschlag hat die Bewertung der Gewerkschaft, die betont, dass man sich in einigen wichtigen Punkten noch nicht geeinigt habe. Hofmann sagte vor Journalisten nach Unterbrechung der Gespräche: “Ich bedauere es außerordentlich, dass wir nicht zum Punkt gekommen sind, dass ich Ihnen heute sagen kann: “Wir haben belastbare und für beide Seiten tragbare Ergebnisse erreicht“.“

Kurz vor der Unterbrechung hatten die Delegationen Papier ausgetauscht, hektisch telefoniert und Gespräche in den unterschiedlichsten Zusammensetzungen geführt. Dabei berieten Dulger und Hofmann auch unter vier Augen und hielten Rücksprache mit ihren jeweiligen Bundesspitzen, Gesamtmetall-Präsident Martin Kannegiesser und IG-Metall-Chef Berthold Huber, die beide nach Sindelfingen gekommen waren.

Woran genau es bei den Streitthemen Leiharbeit und Azubi-Übernahme noch hakt, ist nicht bekanntgeworden. Die Arbeitgeber fühlen sich aber generell durch diese Ziele in ihrer unternehmerischen Freiheit zu stark beschnitten und pochen darauf, die Belegschaft möglichst flexibel halten zu können - das sei für die Wettbewerbsfähigkeit unerlässlich. Sie hatten in die Gespräche sogar eigene Forderungen nach mehr Flexibilität eingebracht.

Die IG Metall will beim Thema Azubi-Übernahme erreichen, dass die jungen Menschen in der Regel unbefristet übernommen werden. Aber bei wirtschaftlichen Schwierigkeiten des Unternehmens, bei Ausbildung über Bedarf und bei personenbedingten Problemen könne davon abgewichen werden. Die Arbeitgeber wollen sich zwar Nachwuchskräfte sichern, lehnen bislang aber jeglichen Zwang ab - über die bisherige Übernahme nach der Lehre für zwölf Monate hinaus.

dpa

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