IG Metall: Wir richten uns nicht nach den Fußkranken

- München - Fünf Prozent oder nur eines? Die Positionen bei der heute beginnenden Metall-Tarifrunde liegen weit auseinander. Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer wagte im Gespräch mit dieser Zeitung keine Prognose, wie lang der Streit dauern wird.

Größtes Hindernis ist nach seiner Einschätzung die Kündigung des Lohnrahmens in Baden-Württemberg, der unter anderem die "Steinkühler-Pause" regelt. "Aus unserer Sicht wird es keinen Abschluss geben, bevor diese Frage geklärt ist." Anders beim Lohn: "Da sind wir weit auseinander. Doch da sehe ich Kompromissmöglichkeiten, wie immer." Außerdem geht es um Qualifizierung und Innovation. "Ich bin gespannt, weil zum Thema lebenslanges Lernen so viele Sonntagsreden gehalten werden", sagt Neugebauer.

In Bayern geht die Gewerkschaft recht selbstbewusst in die Verhandlungen. "Wir sind der einzige Bezirk, der Mitgliederzuwächse hatte", sagt Neugebauer. Selbst die Gefahr, dass Unternehmen aus der Tarifbindung flüchten, betrachtet er demonstrativ gelassen. Die IG Metall habe vorgesorgt. "Wir haben in rund 300 Betrieben Tarifkomissionen gebildet und sind in der Lage, innerhalb eines Tages zu reagieren und auch einen Arbeitskampf zu führen." Hoffnung auf Rabatt macht er den Flüchtigen nicht. "Wir machen keine Werkstarifverträge, die materiell schlechter sind als der Flächentarif."

Ihre Forderung will die Gewerkschaft nicht an den Schwächeren ausrichten. "Da hätten wir einen Saustallkoeffizienten", sagt er. Wer nicht an den eigenen Strukturen oder Prozessen gearbeitet habe, würde auf diese Weise belohnt. "Wir haben unsere Tarifpolitik noch nie an denen ausgerichtet, die Lokomotivfunktion haben, aber auch nicht an den Fußkranken."

Ausnahmen gibt es nur wenige. "Für 90 Prozent gilt der Tarifvertrag unverändert", sagt Neugebauer. Wer Rabatt will, muss dafür gute Argumgente haben. Von bisher 100 Anfragen hat die IG Metall 40 abgelehnt. Oft wollten Unternehmen keine Zahlen auf den Tisch legen. Einmal sollten die Beschäftigen jede Woche unbezahlt fünf Stunden mehr arbeiten, um die Kapitalrendite

"Wenn wir es geplant hätten, wäre es in die Hose gegangen"

Werner Neugebauer zu der Signalwirkung der AEG-Auseinandersetzung

von 14 auf 18 Prozent zu steigern. "Wahnsinn", sagt Neugebauer dazu.

Sanierungsfälle sind das nicht. Die gibt es freilich auch. In rund zehn Prozent der Unternehmen hat die Gewerkschaft Mehrarbeit oder Abstrichen beim Lohn zugestimmt, um eine Krise zu überwinden. Immerhin 40 000 Arbeitsplätze seien dadurch gerettet worden. Bei den Zahlen beruft er sich auf die Bayerische Staatsregierung. Doch muss dann wirklich saniert werden. "Es hilft den Betroffenen nicht, wenn ich schlechten Strukturen noch gutes Geld hinterherschmeiße." Als erfolgreiches Beispiel nennt Bayerns IG-Metall-Chef Loewe. Dort seien 80 Mitarbeiter entlassen worden, der Rest habe Einschnitte hingenommen. "Nach drei Jahren schreibt das Unternehmen wieder schwarze Zahlen, es wurden 100 Leute eingestellt", sagt er. Auch der Tarif gilt wieder. "Das ist in Ordnung."

Nicht nur Betrieben geht es schlecht, sagt der Landeschef der größten deutschen Gewerkschaft. Er berichtete von einem Betrieb, in dem 15 Prozent der Beschäftigten in der Lohnpfändung sind. "Die kriegen dann noch 600 Euro, der Rest wird weggepfändet." Meist sei nicht eigenes Versagen die Ursache der Misere: "Wenn man in München 1000 Euro Miete zahlt und dann Kurzarbeit machen muss, wie will man das finanzieren?"

Nicht nur durch neue Mitglieder, auch in der öffentlichen Wahrnehmung sieht Neugebauer die Position der Gewerkschaft bestätigt. "Auch auf der Straße werde ich von Leuten angesprochen, die ich noch nie gesehen habe." Dass die Auseinandersetzung ein Symbol geworden ist, hat ihn überrascht. "Wenn wir das geplant hätten, wäre es in die Hose gegangen." Ganz wohl ist ihm dabei nicht. Er fürchtet, dass linksextreme Gruppen auf der Wut der Beschäftigten ihr Süppchen kochen könnten. Doch spielen die zurzeit keine Rolle; die AEG-Beschäftigten "kämpfen um ein Ziel". Dabei haben sie bereits unerwartete Unterstützung erfahren: "Die CSU brachte hunderte Wiener am ersten Streiktag", sagt Neugebauer, "rote, keine schwarzen."

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