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Horst Seehofer und Elisabeth-Maria Schaeffler (Archivbild).

Schaeffler/Conti

IG Metall vermisst bayerische Industriepolitik

München - Es knirscht nun auch zwischen der Regierung Seehofer und den Gewerkschaften. Bayerns IG-Metall-Chef Werner Neugebauer blickt im Fall Schaeffler neidisch nach Niedersachsen.

„Das war bestenfalls Bayernliga.“ Wenn Bayerns IG Metall-Chef Werner Neugebauer Vorgänge einordnet, zieht er gern sportliche Vergleiche. Er kritisiert so das Verhalten der Schaeffler-Vertreter im Aufsichtsrat von Continental, wo das fränkische Familienunternehmen 90 Prozent der Anteile kontrolliert und ein gemeinsames Unternehmen bilden will. „So führt man keine Unternehmenskulturen zusammen“, kritisierte Neugebauer gestern die „Rambo-Methoden“ des fränkischen Managements. Vergangenen Donnerstag war die handstreichartige Absetzung von Conti-Chef Karl-Thomas Neumann durch Schaeffler an den Arbeitnehmervertretern im Aufsichtsrat gescheitert. Doch bei aller Kritik klingt auch durch: Bayerns Gewerkschaften sehen sich an der Seite des bayerischen Unternehmens.

So hat Neugebauers Schelte eine zweite Adresse: Die bayerische Staatskanzlei, die in den Augen der IG Metall zu wenig für die bayerischen Standorte tut. „Ich kann ja nicht sagen, dass Strauß und Wiesheu unsere Freunde waren“, hebt Neugebauer vielsagend an, ohne den Satz zu Ende zu führen. Denn in Standortfragen zogen Staatsregierung und Gewerkschaft bei allen ideologischen Differnenzen früher immer an einem Strang. Doch dieser kurzeDraht ist wohl ausgerechnet unter Horst Seehofer , dem prominentesten CSU -Arbeitnehmer als Ministerpräsident, gerissen.

Wo immer sich Strauß oder Wiesheu für die heimische Industrie starkmachten, profitierten auch die Arbeitnehmer. „Herr Wulff ist hier besser aufgestellt“, kritisiert Neugebauer – ein kräftiger Seitenhieb gegen Seehofer.

Wie bereits bei VW und Porsche vertritt der niedersächsische Ministerpräsident Christian Wulff im Streit zwischen Schaeffler und Conti knallhart eigene Standortinteressen. „Ich glaube nicht, dass diese Staatsregierung das begriffen hat“, sagte Neugebauer in Richtung Seehofer. Er fand sogar vergleichsweise milde Worte für den liberalen bayerischen Wirtschaftsminister Martin Zeil . Dieser hatte wie auch die IG Metall das Verhalten von Schaeffler im Conti-Aufsichtsrat kritisiert – und zusätzlich mit dem Entzug von Staatsgeldern gedroht. Lediglich die Drohung fand Neugebauer „völlig überflüssig“. Wie berichtet, hatte Zeils Äußerung gegenüber unserer Zeitung zu einem Zerwürfnis in der schwarz-gelben Koalition in Bayern geführt.

Inzwischen hat Seehofer Wirtschaftsminister Zeil zurückgepfiffen. Auch im Machtkampf um den künftigen Standort will Seehofer heute bei der Kabinettssitzung ein klares Zeichen Richtung Hannover setzen. „Ich möchte, dass die Firma Schaeffler weiß, sie hat die Unterstützung der bayerischen Staatsregierung“, sagte Seehofer. Dies wolle er auch als Kabinettsmeinung. „Hier geht es um zutiefst bayerische Interessen.“ Schaeffler habe bereits eigene Anstrengungen unternommen, betonte Seehofer. „Wir wollen, dass wir die starken bayerischen Firmen auch stützen, und zwar in jeder verantwortbaren Form.“

Die IG Metall Bayern vertritt im Streit um Conti spürbar andere Interessen als die Arbeitnehmervertreter aus dem Norden, die Neumanns Kopf gerettet hatten. „Das war keine Liebesbekundung“, machte Werner Neugebauer klar – zumindest aus Sicht der bayerischen IG Metall gilt der Conti-Chef nämlich als harter Hund.

Denn im Freistaat hat man als Gewerkschafter vor allem mit dem rigiden Kurs des Conti-Managements in den ehemaligen Betrieben von Siemens VDO zu kämpfen (die heute zu Conti gehören). Neumann wolle von fünf Elektronik-Werken, von denen drei in Bayern liegen, eines schließen und die Arbeitsplätze nach Rumänien verlagern, kritisiert der Betriebsbeauftragte der IG Metall Wolfgang Müller. So würden die einzelnen Betriebe in einen Wettstreit um Zugeständnisse der Arbeitnehmer getrieben. Verantwortlich dafür sei Neumann.

Von Martin Prem und Steffen Habit

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