Nicht mal die Chefin hat einen eigenen Platz.

Schwabing-Freimann

Neue Microsoft-Zentrale: Selbst Chefin hat keinen eigenen Platz

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München - Der US-Konzern Microsoft hat gestern seine neue Deutschland- Zentrale eingeweiht. 1900 Mitarbeiter sind von Unterschleißheim nach München gezogen – dabei gibt es im Neubau nur Schreibtische für 1100 Beschäftigte.

Vor drei Wochen war Umzug: Seit Ende September arbeiten die 1900 Beschäftigte der deutschen Microsoft-Zentrale nicht mehr in Unterschleißheim im Landkreis München. Der US-Konzern hat seinen Mitarbeitern neue Büros in der bayerischen Landeshauptstadt bauen lassen, gestern wurde das Gebäude eingeweiht. Die Zahl der Schreibtische in der neuen Zentrale in Schwabing ist aber deutlich geringer als die Zahl der Mitarbeiter: 1100 Schreibtische stehen den Beschäftigten zur Verfügung, 800 weniger als es Mitarbeiter gibt.

„Traditionelle Bürokonzepte passen nicht in die digitale Welt“, sagt die Chefin von Microsoft Deutschland, Sabine Bendiek. Microsoft hat die Architektur der Münchner Zentrale der konzerneigenen Arbeitskultur angepasst. Für Microsoft ist der Arbeitsplatz dort, wo der Laptop des Mitarbeiters ans Internet angeschlossen ist. Die Chefin interessiert es nicht, ob ihre Mitarbeiter zuhause arbeiten, im Café vor dem Rechner sitzen – oder doch in die Zentrale nach Schwabing pendeln.

Microsoft hat dieses Konzept des „Vertrauensarbeitsplatzes“ bereits in Unterschleißheim praktiziert, in München hat der Konzern die Idee in Beton gießen lassen.

„Feste zugeordnete Schreibtische gibt es nicht mehr“, sagt Bendiek – und das gilt auch für die Chefin selbst. Sofern sie ins Büro kommt, muss sie morgens ihre Privatsachen im Schließfach verstauen und sich im Management-Bereich des Neubaus ein freies Plätzchen suchen. Bendiek räumt ein, dass sie sich auch erst einmal daran habe gewöhnen müssen. Auch Telefone stehen keine mehr auf dem Schreibtisch. Die brauche man nicht mehr, sagt sie. Hauptwerkzeug der Mitarbeiter sei der Laptop, er werde auch zum Telefonieren genutzt.

Kommen wann man will, arbeiten wo man will – die Grenzen zwischen Arbeit und Privatleben sind fließend geworden, „Work-Life-Flow“, sagt Bendiek. Führt diese Form des fließenden Übergangs zwischen Arbeit und Privatleben nicht zwangsläufig zur Selbstausbeutung? Was geschieht, wenn die Mitarbeiter bis tief in die Nacht E-Mails checken statt den Rechner herunterzufahren? Man sei sich des Risikos und der Gefahr bewusst, sagt Bendiek. Die Chefin ist aber überzeugt, dass ihre Führungskräfte bei Microsoft geschult seien, genau das zu verhindern. Führungskräfte früher hätten viel kontrolliert und weniger geführt, sagt sie. Würde man Mitarbeiter richtig anleiten, brauche man für den Erfolg weder Anwesenheitspflicht noch feste Arbeitszeiten. Und Eltern hätten den Vorteil, sich besser zuhause um die Kinder kümmern zu können.

Damit das alles klappt, hat sich Microsoft Hilfe vom Fraunhofer-Institut für Arbeitswirtschaft in Stuttgart geholt. Arbeitsexperte Udo-Ernst Haner sagt, es gebe unterschiedliche Generationen „mobiler Arbeiter“. Bei der ersten Generation sei es noch öfter zu Selbstausbeutung gekommen. „Jetzt wächst eine Generation heran, die sich auf die Fahnen schreibt: Ja, ich möchte arbeiten – ich möchte aber auch leben.“

Aufzuhalten ist der Umbruch offenbar ohnehin nicht mehr: „Die Digitalisierung stößt den größten Wandel in der Arbeitswelt an seit der industriellen Revolution“, sagt Bendiek. Ihr Unternehmen profitiert davon: Microsoft verkauft schließlich die passende Technik für das vernetzte Büro an Industriefirmen. Insofern ist der Neubau auch eine Art Labor und zugleich Schaufenster für Kunden.

Sebastian Hölzle

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