Anwesenheitspflicht abgeschafft

Microsofts schöne neue Arbeitswelt

Unterschleißheim - Microsoft Deutschland hat die Anwesenheitspflicht offiziell abgeschafft. Mitarbeiter sammeln ihre ersten Erfahrungen. Während Yahoo in den USA die Mitarbeiter an die Schreibtische zurückpfeift, prescht Microsoft nach vorn.

Stempeln war gestern: Deutschlands Microsoft-Mitarbeiter dürfen seit September arbeiten, von wo aus sie wollen – und zwar hochoffiziell. Den Chefs ist es egal, ob die 2700 Beschäftigten von der heimischen Küche oder dem Café aus arbeiten. Hauptsache die Arbeit wird erledigt. „Vertrauensarbeitsort“ nennt Microsoft das Modell. Zwar gibt es am Firmensitz in Unterschleißheim noch ausreichend Bürofläche, nur Anwesenheitspflicht besteht grundsätzlich keine mehr.

„Die Vertrauensarbeitszeit ist bei Microsoft gelebte Realität“, schwärmt Vertriebsmanagerin Carolin Eggers. „Am Nachmittag hole ich meine Tochter von der Kita ab, verbringe den Rest des Tages mit ihr, abends arbeite ich weiter“, erzählt sie. Von fünf Arbeitstagen sei sie in der Regel nur drei Tage im Büro. Mehr als einen Internet-Anschluss brauchen die Microsoft-Mitarbeiter nicht für ihren Job.

Praktiziert wird das mobile Arbeiten bei Microsoft Deutschland schon lange. Durch die Betriebsvereinbarung habe Microsoft jetzt einen rechtlichen Rahmen geschaffen, betont Personalchefin Elke Frank. Damit das persönliche Miteinander nicht zu kurz komme, gebe es in der Betriebsvereinbarung klare Regeln für die Präsenzpflicht bei Besprechungen.

„Microsoft hat hier einen Paukenschlag gelandet“, staunt der Soziologe Michael Jäckel von der Universität Trier. Jahrelang hat er das zeitweise Arbeiten von zu Hause aus erforscht. Das Phänomen ist nicht neu: Über Jahrhunderte hinweg verlief die Grenze zwischen Arbeitsort und Wohnraum fließend. In alten Bauernhöfen lagen Wohnung und Betrieb – je nach Bauart des Hofes – oft in ein und dem selben Gebäude. Eine Trennung zwischen Arbeit und Freizeit gab es praktisch nicht.

Die Industrialisierung im 19. Jahrhundert stellte dieses Prinzip auf den Kopf. In Reichweite riesiger Fabrikanlagen entstanden Siedlungen, die Arbeiter lebten dort mit ihren Familien oft in einfachen Verhältnissen. „Die Trennung zwischen Wohnen und Arbeiten, welche die Industriegesellschaft uns gebracht hat, hat uns Strukturen von langer Dauer beschert“, sagt Jäckel.

In den 1970er Jahren wollte sich ein Amerikaner mit diesen Strukturen nicht länger abfinden: Der Nasa-Mitarbeiter Jack Nilles wurde gefragt, warum der Mensch inzwischen auf den Mond fliegen könne, sich auf den Autobahnen der heimischen Erde aber kilometerlange Staus bildeten. Die Frage ließ dem Wissenschaftler bei seiner späteren Forschung keine Ruhe. Nilles war der Meinung, dass ein Großteil des Verkehrsaufkommens aus Berufspendlern bestünde, obwohl viele Arbeiten von zu Hause aus erledigt werden könnten. Nilles prägte den Begriff der Telearbeit. Neben dem regelmäßigen Verkehrskollaps sollten teurer Sprit sowie Büro- und Parkflächen der Vergangenheit angehören. Gemeinsam mit Firmen experimentierte er an der Vision. Nur: Der erhoffte Effekt blieb aus. Die Straßen blieben verstopft. „Es gibt auch keine Studie, die nachgewiesen hat, dass Büro- oder Parkflächen eingespart wurden“, berichtet Jäckel.

Die Idee der Telearbeit blieb bestehen. Nur die Ziele haben sich fundamental verschoben. „Die Ökologie spielt heute keine Rolle mehr“, sagt Jäckel. Zwischenzeitlich gehe es hauptsächlich um die individuelle Erfüllung der Arbeitnehmerwünsche. Dazu zähle insbesondere die Vereinbarkeit von Familie und Beruf.

Firmen wie Microsoft stehen unter Druck: Eine älter werdende Gesellschaft sorgt für einen Mangel an qualifiziertem Personal, die Generation der 20- bis 30-Jährigen – oft als „Generation Y“ bezeichnet – stellt hohe Ansprüche an die Ausgestaltung des Arbeitsplatzes. „Der Wunsch nach mehr Flexibilität geht vor allem von den Mitarbeitern selbst aus“, bestätigt Elke Frank von Microsoft. „Bei Microsoft gibt es einen Kampf um die besten Köpfe“, glaubt auch der Soziologe Jäckel.

Die Folge: Von der Büroarbeit zu Hause, oft als Home-Office bezeichnet, profitiert meist hochqualifiziertes Personal – alle anderen müssen wie eh und je an der Kontrolluhr stempeln und ihre Anwesenheit dokumentieren. „Da fallen einige Berufsgruppen durch das Sieb“, beklagt Jäckel. Und sofern das Home-Office nur für einen Teil der Büro-Belegschaft gelte, sei Neid unter Kollegen nicht ausgeschlossen. Bei Microsoft gilt die Regel aber für alle. Trotzdem besteht die Gefahr der Selbstausbeutung: „Studien haben gezeigt: Wer von zu Hause aus arbeitet, der arbeitet mehr, um zu beweisen, dass das Modell funktioniert“, gibt der Sozialwissenschaftler zu bedenken.

Die Dienstleistungsgewerkschaft Verdi weist darauf hin, dass Arbeitnehmer, die von zu Hause aus arbeiten, sich mit ihrem Arbeitgeber auf eine Betriebsvereinbarung einigen sollten – wie es bei Microsoft geschehen ist. Denn einen gesetzlichen Rahmen zum Arbeiten von zu Hause aus gebe es nicht, warnt die Gewerkschaft. Ohne detaillierte Vereinbarungen seien Schwierigkeiten abzusehen.

Dabei konnte man vor über einem Jahr noch den Eindruck gewinnen, das Home-Office habe ausgedient: Die Chefin des Internet-Giganten Yahoo, Marissa Mayer, beorderte im Februar 2013 ihre Beschäftigten wieder zurück an die Schreibtische in die kalifornische Firmen-Zentrale. Für Kommunikation und Zusammenarbeit sei die physische Anwesenheit notwendig, hieß es sinngemäß in einer E-Mail an die Belegschaft.

Eine Studie des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) hatte Anfang des Jahres ermittelt, dass die Zahl der Personen mit häuslicher Erwerbstätigkeit seit 2008 gesunken sei – um insgesamt 800 000. Damit sei die Zahl der Heimarbeiter heute nicht größer als vor 20 Jahren. Knapp fünf Millionen Erwerbstätige hätten 2012 ihren Job hauptsächlich oder gelegentlich zu Hause ausgeübt. In die Statistik fallen auch Landwirte und Lehrer, also Berufsgruppen, die seit jeher auch Zuhause arbeiten.

Entsprechend schwer ist es vorherzusagen, wie die Bürowelt in zehn Jahren aussieht. „Ich nehme in der Wirtschaft keine einheitliche Richtung wahr“, sagt der Forscher Jäckel. Er ist sich sicher, dass die Heimarbeit ein Nischenphänomen bleibe.

Bei Microsoft selbst glaubt man, dass sich das Modell bei anderen Firmen durchsetzt – der Software-Hersteller würde davon profitieren. Vertriebs-Managerin Eggers arbeitet nicht nur von zu Hause aus, sie verkauft anderen Firmen auch Programme für das flexible Arbeiten im Home-Office oder von unterwegs. Und sie sagt, dass sie sich über eine mangelnde Nachfrage nicht beklagen könne.

Sebastian Hölzle

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